===== Liebe Pausierende! ===== [[https://www.fr.de/meinung/liebe-pausierende-11655403.html|Originalartikel]] [[https://www.qgelm.de/wb2html/wbb1092.html|Backup]]

Sie suchen einen Ort, wo man langsamer ein- und ausatmet? Mely Kiyak brauchte eine Pause. Ihre Intuition und Gespür lenkte sie - in einen Klostergarten.

Von Mely Kiyak

Ich empfand, dass es Zeit war, die Zeitung zur Seite zu legen, den Fernsehkanal Phoenix abzuschalten und zu pausieren. Ich musste an einen Ort, wo man langsamer ein- und ausatmet. Meine Intuition und mein Gespür lenkten mich.

Was denn, was denn, wird der Abonnent fragen, diese kleine Nervensäge, dieser unerbittliche Pitbull, dieser besserwisserische Naseweis verfügt über Intuition? Ja sicher, rufe ich den Zweiflern und Neidern zu, man wird nicht als Kolumnistin geboren, man wird dazu gemacht. Im Grunde genommen bin ich eine ganz gewöhnliche Frau in mittleren Jahren. Auch ich habe etwas, dass man mit "Gefühl" übersetzen könnte. Auch ich verfüge über ein Quantum Sensibilität, das von Zeit zu Zeit seine zarten Lippen schürzt, um von meinem Feinsinn einen Kuss zu empfangen.

Ich schrieb meinem großen Vorsitzenden ein Telefax. "Geliebter Chef, ich kann nicht Woche für Woche meinen Beitrag zu einem Stück echten deutschen Journalismus, der in einer langen Tradition angefangen von Börne bis Tucholsky stand und bis zum Zeitpunkt meiner Geburt auszusterben drohte, beisteuern. Wo etwas raus soll, muss zuvor etwas rein. Ich bin verreist."

Ich bekam ein Telefax zurück. "Kiyak, mir ist egal, an welchem Ort Sie etwas reinlassen - Hauptsache, sie lassen es am Samstag wieder pünktlich raus!" Ich faltete die Mitteilung meines Bosses, steckte sie in die Tasche und zog an einen Ort, wo es derzeit wohl am tollsten zugeht. Man kann es als "Spitzdach mit Glocke und angeschlossener Wohngemeinschaft" bezeichnen. Ich zog ins Benediktinerinnen-Kloster einer Stadt, die ich aus Gründen der Diskretion und Privatsphäre nicht nennen kann.

Dort sitze ich also heute früh auf einem dicken Stein im Garten und schabe mit meiner Gamasche in der Erde herum. Meine Gedanken kreisten so um dieses und jenes. Ich dachte über die Liebe nach. Ich träumte mich in duftende Akazienwälder. Ich sehnte mich auf eine wärmende Brust. Ich dachte auch, "was um Himmels willen soll ich diese Woche kolumnieren?".

Ich erinnerte mich an Momente voller Gram und Groll. Und an andere. Ich war so allerhand aufgewühlt in mir selbst. Und dann wieder: Worüber soll ich bloß schreiben?

Ich sitze also, grübele und starre vor mich hin, als ich einen Recken entdecke. Ich rufe: "He Gärtner, setze dich zu mir und erzähle. Was hat dich zu diesem Prachtexemplar gemacht, der du nun bist und hier vor meiner Nase mit dieser Löwenzahnwurzel kämpfst?"

Er erzählt, der Vater sei verstorben und habe ihm eine Gärtnerei hinterlassen. Nun erhoffe er sich von der Gartenarbeit bei den Nonnen Kenntnis, um sich damit das Erbe seines Vaters zu erarbeiten. Ein Fleckchen Erde irgendwo in Deutschland, ein Mensch und seine Geschichte - ich bin empfänglich für Situation wie diese. Ich frage, ob er je zuvor mit Blumen zu tun hatte. Er: "Nur mit Dildos." Ich sage: "Mein Freund, es heißt Dolde, der Plural ist Dolden. Was waren das für Dolden? Handelte es sich um eine Samenhandlung?" Er: "Ich arbeitete in einem Sexshop und verkaufte Pornos, Aufblaspuppen und Dolden. Bei den Dolden handelte es sich um solche aus Silikon oder Glas, in unterschiedlichen Größen. Und du?" Ich sage: "Ich bin Kolumnistin und lebe von Situationen wie dieser. Sie sichern mir meinen Lebensunterhalt."

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.