Es ist alles gesagt

Originalartikel

Backup

<html> <p class=„c11“>Liebe Theaterbegeisterte und Weltinteressierte,<br />Liebe Kinder,<br />Liebe Deutsche,<br />Liebe Kreuzberger,</p><p class=„c11“>hiermit er&#246;ffne ich offiziell die Theatersaison. Ahahahaa! Nach so einem Satz, m&#252;ssen Sie wissen, wirft die Intendantin mit ihrem <em>terlik</em> nach mir. Fr&#252;her unterhielt ich Sie regelm&#228;&#223;ig vierzehnt&#228;gig mit meinen &#252;ppigen Betrachtungen. Heute hat es den Anschein, als sei ich untergetaucht. Ganz falsch ist das nicht. Mein Kopf ist wie unter Wasser. Das hat viele Gr&#252;nde. Ich bin kurz vor der Pandemie erkrankt. Ganz pl&#246;tzlich und unerwartet nahm die Erkrankung einen schweren Verlauf. So etwas h&#228;lt auf Trab. Und wie ich den Kopf mal kurz aus dem Wasser hielt, waren Land und Bev&#246;lkerung in einem solchen Wahnsinn, politisch, gesellschaftlich, zwischenmenschlich &#8211; meine begrenzte und sich eben erst regenerierende Konzentrationsf&#228;higkeit waren noch nicht bereit f&#252;rs Betrachten, Kommentieren, Besp&#246;tteln.</p><p class=„c11“>In der Zwischenzeit erschienen unsere Theaterkolumnen als Buch (&#187;Werden Sie uns mit FlixBus deportieren?&#171;, C. Hanser Verlag, 2022), aber zu meiner eigenen Buchpremiere musste ich von der heimischen Chaiselongue ins Gorki Theater zugeschaltet werden, weil mein Immunsystem f&#252;r ein Publikum noch nicht bereit war. Die Zeit der publizistischen Abwesenheit zu beschreiben, ist nicht leicht, ohne ins Ungef&#228;hre abzudriften. Die f&#252;r diese F&#228;lle &#252;bliche Kriegsrhetorik (&#187;Der Krankheit den Kampf ansagen&#171;, &#187;Besiegen&#171;, &#187;Durchhalten&#171;, &#187;&#220;berleben&#171;)&#160;ist viel zu heroisch. Tats&#228;chlich ist man einfach nur mit Sein besch&#228;ftigt. Gelegentlich schrieb ich Briefe, &#228;u&#223;erte mich mal hier oder anderswo. Und irgendwann, wenn man Gl&#252;ck hat, steht man eines Tages auf und f&#252;hlt eine leise Kraft.</p><p class=„c11“>Seit Anfang dieses Jahres habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Aber ich hadere. Das ist normal. Manche unter den Schreibenden reflektieren fortw&#228;hrend das eigene Schaffen. Wof&#252;r? Weshalb? Ich neige auch dazu. Wozu noch politisch schreiben? Wenn Politik an einen Punkt gelangt ist, der nur noch aus Wiederholung besteht, was dann? Ich schrieb viele Prognosen. Sie sind alle eingetreten. Immer weiter machen, weiter beschreiben. Der Punkt einer gesellschaftlichen Umkehr ist seit mindestens &#252;ber zehn Jahren &#252;berschritten. Die Weiche f&#252;r die politische Gegenwart wurde wahrscheinlich mit Gerhard Schr&#246;ders Regierung eingeleitet. Entsolidarisierung gegen&#252;ber den unteren Einkommensklassen, Ausverkauf von kommunalem Wohnraum an Konzerne, Privatisierung von &#246;ffentlichem Eigentum und das Delegieren der Altersvorsorge an Versicherungen &#8211; alle diese Ma&#223;nahmen tragen die Unterschrift der Arbeiterpartei SPD.</p><p class=„c11“>Ich wei&#223;, dass wir gerade Zeitzeugen sind. Wir erleben die Faschisten an die Regierungsmacht kommen. Maximal zwei Bundestagswahlen, dann haben sie die Kontrolle. Ich habe dazu alles, wirklich alles, geschrieben.</p><p class=„c11“>Mir fehlt schlicht die Lebenszeit, um wieder und wieder zu wiederholen, was ich vor 15 Jahren sah. Ich kann auch die Notwendigkeit nicht erkennen. Ich halte alles Reden auf Twitter und Co. meiner Kolleginnen und Kollegen f&#252;r schwach und politisch gef&#228;hrlich. Das permanente Zitieren, Reproduzieren und Skandalisieren von rechtsextremer Politik und Rhetorik aus Judikative, Exekutive und Legislative sowie der Kultur, ist falsch, kontraproduktiv und apolitisch. Gegen Radikalisierung von Rechts <span class=„c12“>in diesem Stadium</span> hilft nur Radikalisierung von Links. Man muss den Faschisten das Leben so schwer machen, dass <em>sie</em> die ganze Zeit damit besch&#228;ftigt sind, sich anzubiedern und Naziforderungen in demokratische Programmatik umzuwandeln. Es funktioniert aber genau andersherum. Die demokratischen Parteien suchen die parteipolitische Anschlussf&#228;higkeit an die Faschisten.</p><p class=„c11“>Vor Jahren, als es die AfD noch nicht gab, als wir noch im kurzen Zeitfenster waren, wo sich organisierter Widerstand gelohnt h&#228;tte, seid Ihr, die ihr Kolumnen abonniert oder uns auf Lesungen applaudiert habt, zur&#252;ck zu euren Nazicousins, Nazitanten und Nazipapas nach Hause gegangen, um sie bei allern&#228;chster Gelegenheit gegen uns zu verteidigen. DAS w&#228;re die Zeit gewesen, enger zusammen zu r&#252;cken. Ihr habt uns, die wir Deutsch als Zweite-Haut-Tragende sind, allein gelassen. Als wir zu Debilen, zu Kriminellen, zu Schmarotzern erkl&#228;rt wurden, habt ihr in Redebeitr&#228;gen den Faschismus, den Rechtsextremismus, die Nazis verteidigt. Verstehe ich. Sind ja eure Verwandten, man will sie in Schutz nehmen. Ich habe deshalb f&#252;r mich beschlossen, Euch jetzt alleine zu lassen. Denn mein Leben, mein Talent, mein K&#246;rper und mein Sinn f&#252;r Sch&#246;nheit verbieten es mir einstweilen, mich mit euren Familien zu befassen. Ihr h&#246;rt es sicher nicht gerne, aber es sind eure Leute, die diese Schei&#223;e verbreiten. Nicht meine Leute. Umvolkung. Davor hattet ihr doch so Angst, nicht wahr? Deshalb habt ihr sechs Millionen lupenreine Nationalsozialisten und Faschisten ins Parlament gew&#228;hlt. Ich habe mich deshalb innerlich von euch abgevolkt.</p><p class=„c11“>Schaut: Mein Kanackendaddy hat noch nicht einmal Wahlrecht, um euch die Pest an den Hals zu w&#228;hlen, so wie eure Leute uns die Pest an den Hals w&#228;hlen. Hier in Berlin d&#252;rfen demn&#228;chst minderj&#228;hrige Kinder w&#228;hlen, also eure Geschwister, aber unsere Eltern immer noch nicht. Mein Kanackendaddy hat mit seinen Steuern euer BAf&#246;G bezahlt, eure staatlich gef&#246;rderte Eigenheimzulage. Wenn mein Daddy mich besucht, verteilen sich f&#252;nf Erwachsene auf zwei schmale &#199;ekyats und ich schlafe auf dem Boden. Es sind Eure Leute, die das alles machen, nicht meine.</p><p class=„c11“>Fr&#252;her haben meine Ossifreunde immer gelacht, wenn ich gesagt habe, vergesst nicht, die Mauer ging auf und wir dachten, ihr Ossis kommt, um uns auf den Mund zu k&#252;ssen. Aber ihr habt euch bewaffnet und unsere Leute abgeknallt. Eure Leute waren in der Polizei und haben uns unh&#246;flich behandelt. Und eure Leute sind es, die diese M&#246;rder jetzt fr&#252;hzeitig aus der Haft entlassen, weil sie glaubw&#252;rdig versichert h&#228;tten, nicht mehr so schlimm zu sein. Stimmt ja auch. Es gibt jetzt noch viel schlimmere Nazis, die sind in Freiheit und nehmen gerade an Abstimmungen im Parlament teil.</p><p class=„c11“>Ihr sagt, es gibt kein Wir und Ihr. Ja, so habe ich fr&#252;her auch argumentiert. Das war, als ich daf&#252;r k&#228;mpfen musste in der Berliner Zeitung meine Berichte &#252;ber den NSU-Faschismus ins Blatt zu bringen, einmal in der Woche, Samstags in der Ecke unten, als der ganze Rest der Zeitung mit nichts anderem besch&#228;ftigt war, als Sarrazin Recht zu geben. Seine rassenthe.., &#228;h pardon, sozialpolitische These ist, dass wir genetischer M&#252;ll sind und die deutschen Sozialsysteme zum Kollaps bringen. Sehr ihr, da ist ein Ihr und ein Wir. Eine Million von euren Leuten haben das Buch gekauft, nicht von unseren Leuten. Arno Widmann, der heute im Gorki Theater ist, damals schrieben wir in der gleichen Zeitung, erz&#228;hlte mir aus einer Redaktionssitzung, dass ein Kollege meine &#187;Deutschenfeindlichkeit&#171; beklagt h&#228;tte. Der Kollege arbeitete sp&#228;ter als Amerikakorrespondent und berichtete &#252;ber den gesellschaftlichen Zerfall Amerikas und das autorit&#228;re Abdriften. Das ist ja oft so. Deutsche erkennen den Rechtsextremismus ausschlie&#223;lich, wenn er woanders stattfindet. Nur bei Omi und Opi erkennt ihr ihn nicht.</p><p class=„c11“>Wir m&#252;ssen zusammenhalten, habe ich oft geschrieben. Ihr d&#252;rft uns nicht verteufeln. Unsere Eltern haben die geringsten Renten. Noch geringer als die der Ostdeutschen. Bewaffnen wir uns deshalb? Schmieren wir Hakenkreuze? Schie&#223;en euch tot? Unsere Leute sind nicht in den Vorstandsetagen, nicht in den Chefredaktionen. Z&#252;nden wir deshalb eure H&#228;user an? Meine Leute sind vielsprachig. Haben eure Leute eine neue Sprache lernen m&#252;ssen? Unsere reisen wie Kosmopoliten durch die Welt, kennen alle eure Feiertage und sind lieb zu euch. Verkaufen euch Obst und sagen bitt&#228;sch&#246;n und dank&#228;sch&#246;n. Wir sind Menschen. So erkennt uns doch. So was peinliches habe ich geschrieben. Aus so einer Zeit komme ich, versteht ihr. Ich habe einen richtig langen Kolumnenweg hinter mir.</p><p class=„c11“>Und im Westen? Da dachten wir, dass ihr froh seid, dass die ganze Welt euch Deutschen geholfen hat. Die Alliierten kamen und haben euch mit Bomben zu einer freien Presse &#252;berreden m&#252;ssen. Ihr habt das vergessen. Aber ihr wart wirklich nur mit Bomben zu stoppen. Demokratie war noch nie euer Ding. Kunst, Freiheit, Juden. Wird euch immer alles schnell zuviel.</p><p class=„c11“>Ihr habt uns nicht geglaubt. Ihr habt gesagt, nicht doch, nicht doch, wir sind jetzt anders. Aber in Bayern, der jetzt Wahlkampf macht und Flugbl&#228;tter verteilte, das ist doch einer von euch, oder? Wo auf den Flugbl&#228;ttern stand, dass der Hauptgewinn sei, Juden in Auschwitz zu vergasen. Ich finde, ihr h&#228;ttet um eurer Glaubw&#252;rdigkeit willen und eures moralischen Rosses wegen, Tag und Nacht vor der bayerischen Staatskanzlei Mahnwache stehen m&#252;ssen, bis sie alle abtreten. Stattdessen sucht ihr in Bayern gerade die &#214;ffnung in euren K&#246;pfen, um euch das Bier reinzusch&#252;tten. Eben rasch &#187;Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz&#171; und &#187;kostenloser Genickschuss&#171;, dann werden die Wadeln in die Str&#252;mpf gestopft und es wird besinnungslos gesoffen. Das Leben geht weiter. So praktiziert ihr es seit Mai &#8217;45.</p><p class=„c11“>Was soll ich also politisch schreiben? Was kann ich Ihnen, die Sie alle klug, belesen und f&#228;hig zu einer eigenen Meinung sind, sagen? Ehrlich, ich wei&#223; es nicht. Neulich sagte ich zu einem Kabarettistenkollegen aus dem Fernsehen, es gilt jetzt rhetorische Streubomben zu werfen. Den kurzen Spalt, bis die Kunst-und Gedankenfreiheit abgeschafft sind, ausnutzen. Die Faschisten auf die Palme bringen, denn sie gehen organisiert und nach Plan vor, und da k&#246;nnte man die Palme doch ruhig etwas zum Wedeln bringen.</p><p class=„c11“>Nat&#252;rlich bleibe ich an der Seite des Gorki Theaters und seiner Intendantin. Dieses kleine Theater und diese Theaterkolumne sind f&#252;r mich immer noch ein seltener und unwahrscheinlicher Ort. Schauen wir uns doch um. Sarrazins Buchpremiere, fand in unserem Nachbartheater Berliner Ensemble statt. Der extrem rechts denkende Dramaturg Bernd Stegemann, Sahra Wagenknechts enger Weggef&#228;hrte, kommt nicht aus der Skinheadszene, sondern von der Schaub&#252;hne und dem Berliner Ensemble. Er ist ein typischer Vertreter der nationalistischen Linken. Oder die Ostberliner Volksb&#252;hne. In deren Foyer wurde nicht nur ein extrem wei&#223;es Theater gegen einen internationalen und weltoffenen Intendanten wie Chris Dercon verteidigt, sondern es wurde im Zuge dieser Proteste auch rasend schnell ein heimeliges Zuhause f&#252;r Verschw&#246;rungstheorien. Aus der Pollesch&#8217;sen Reflexionsbude ist ein Ort geworden, wo es nur noch darum geht, individuelle Privilegien zu verteidigen. Hito Steyerl und Diedrich Diederichsen beschreiben das &#228;u&#223;erst aufger&#228;umt aus zwei sehr unterschiedlichen Perspektiven hier: <a href=„https://www.textezurkunst.de/de/105/weder-wohnung-noch-waehrung/“ class=„c13“>https://www.textezurkunst.de/de/105/weder-wohnung-noch-waehrung/</a> und hier: <a href=„https://artsoftheworkingclass.org/text/weiteratmen-im-freien-fall“ class=„c13“>https://artsoftheworkingclass.org/text/weiteratmen-im-freien-fall</a></p><p class=„c11“>Ich k&#246;nnte, wenn ich mich vom Gorki Theater aus, einmal um die eigene Achse drehe, so und soviel Kulturinstitutionen zeigen, die eben nicht alle die gleichen Werte teilen. So ein einfacher Satz wie &#187;Die W&#252;rde des Menschen ist unantastbar&#171; ist nicht common sense.</p><p class=„c11“>Ich habe deshalb alle politischen Kolumnen in der Schweiz und in Deutschland gek&#252;ndigt. Auf Zeit Online hatte ich eine zehn Jahre dauernde Serie (&#187;Kiyaks Deutschstunde&#171;), in der ich jede Woche &#252;ber das Land schrieb. Fast genau so lang tat ich das zuvor in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. Ich ver&#246;ffentliche unten den Zeit Online Text, wo ich Abschied vom politischen Schreiben nehme. Die Leserschaft dort und hier &#252;berschneidet sich und wom&#246;glich konnten das einige Leserinnen und Leser nicht lesen, da die Zeitung sich dazu entschied, den Text hinter eine Bezahlschranke zu stecken (was ich sehr betr&#252;blich finde). Ich schreibe dort stattdessen einfach nur &#252;ber das Leben, das ich f&#252;hre. Es sind kurze Texte, &#252;ber die bet&#246;rende Sch&#246;nheit eines Alltags, in der absolut nichts Aufregendes geschieht. Anschlie&#223;end spreche ich die Momente richtig sch&#246;n unprofessionell ins Handy und schicke die Aufnahme ab. Text und Ton sind jedes Wochenende hier zu lesen und zu h&#246;ren: <a href=„https://www.zeit.de/kultur/2023-07/wochenende-momente-freude“ class=„c13“>https://www.zeit.de/kultur/2023-07/wochenende-momente-freude</a></p><p class=„c11“>Und hier? Im Theater? Ich wei&#223; es noch nicht. Ich will mich nicht wichtiger nehmen als ich bin. Mein Leitsatz f&#252;r mein Schreiben war immer: Meine Aufgabe ist nicht Deutschland zu retten, sondern meine Kunst. Wenn die Welt m&#246;rderisch wird, m&#252;ssen wir K&#252;nstler daran erinnern, dass es etwas gibt, das h&#246;her und besser ist, als wir selbst. Das sind die Musik, die Gedichte, sch&#246;n erz&#228;hlte Geschichten. Wir m&#252;ssen der &#196;sthetik des Ekeligseins eine &#196;sthetik des Menschseins entgegensetzen. Ich versuche es.</p><p class=„c11“>Nichts f&#252;r ungut!</p><p class=„c11“>Mely Kiyak</p><p class=„c11“>PS. Runterscrollen. Es geht weiter.</p><p class=„c11“><br />&#160;</p><p class=„c11“><strong><em>Mein Deutsch ist wirklich exzellent</em></strong></p><p class=„c11“><em>Als ich vor zehn Jahren meine Kolumne &#187;Deutschstunde&#171; an dieser Stelle begann, versprach ich zuvor meinem Chefredakteur, niemals &#196;rger zu machen, keine Anspr&#252;che zu stellen und der Zeit Online bis zu meinem letzten Atemzug zu dienen. Ich verlie&#223; sein B&#252;ro mit den Worten &#187;Tsch&#252;ss Trainer, wir sehen uns bei meiner Verrentung&#171;.</em></p><p class=„c11“><em>Ich fand, dass meine Aufgabe denkbar einfach sein w&#252;rde. Beobachten wer was in der Politik oder der Kultur macht und dann einen sch&#246;nen Text dar&#252;ber schreiben. Ganz sicher war ich nicht angetreten um den Faschismus zu verhindern. Wer kann in Deutschland schon den Faschismus verhindern? Gibt ja Kolumnisten, die ernsthaft denken, dass sie mit ihren Texten etwas bewegen k&#246;nnten. Steuern senken. Internet schneller machen. Den Bus aufs Land schicken. Ich nicht. Ich glaube sowas nicht. Mein Anspruch war h&#246;her. Ich wollte den Aufstieg der Antidemokraten und das Kuschen und Speichellecken der anderen Parteien vor ihnen pr&#228;zise und pointiert begleiten. Auf die in einigen Jahrzehnten an mich gestellte Frage &#187;Wo warst du als es begann? Wo??&#171; wollte ich reinen Gewissens antworten k&#246;nnen: &#187;H&#246;r zu, Enkelsch&#228;tzchen, steck deine Nase in deine eigene Gegenwart&#171;.</em></p><p class=„c11“><em>Insgeheim hoffte ich auch, rechts und links vom Kolumnistinnenwegesrand ein paar Journalistenpreise zu pfl&#252;cken, den Presseausweis beantragen und im Presseversorgungswerk aufgenommen werde k&#246;nnte. Preise bekam ich glaube ich keine, und wie das Presseversorgungswerk funktioniert, habe ich bis heute nicht begriffen.</em></p><p class=„c11“><em>Man bekommt im Leben sowieso immer nur, worum man nie bat. Mich erreichte einmal ein Brief aus &#214;sterreich, wo mich jemand in der Angelegenheit von Adolf Hitlers Geburtshaus um Rat bat. Der Absender sa&#223; einem Gremium bei, das &#252;ber die Weiternutzung der Immobilie beriet. Was k&#246;nne man meiner Meinung nach tun? Die Begr&#252;ndung f&#252;r die Anfrage lautete, dass gerade jemand &#187;wie Sie&#171;, also ich, ein Interesse daran haben m&#252;sste, &#252;ber die Zukunft von Hitlers Geburtshaus nachzudenken. Ich glaube ich antwortete, ich sei Schriftstellerin und habe nicht viel Expertise in Interieurfragen, aber wenn sie mich schon fragten: &#187;Arbeiten Sie mit warmen Materialien wie Holz und Kork und bleiben Sie bei der Wandgestaltung innerhalb einer Farbfamilie&#171;.</em></p><p class=„c11“><em>Ein anderes Mal schrieb mich jemand aus dem Rundfunk Berlin Brandenburg an. Man ist manchmal so naiv! Als ich den Absender mit dem offiziellen RBB-Logo sah, dachte ich, man w&#252;rde mir eine eigene Fernsehsendung anbieten. Es war aber eine Person wichtigen und hohen Amtes, die auf der Suche nach einer Kinderbetreuung sei, &#187;unbedingt t&#252;rkischsprachig&#171; oder wenigstens der t&#252;rkischen Kultur kundig. So jemand &#187;wie Sie&#171;, also ich, w&#228;re einfach perfekt geeignet f&#252;r ihre zwei aufgeweckten Racker. Ich antwortete, dass ich schon einen Beruf habe (&#187;B&#252;cher schreiben&#171;) und dar&#252;ber hinaus der t&#252;rkischen Kultur nicht kundig sei, denn weder ich noch meine Familie sind oder waren T&#252;rken, sie kommen lediglich aus der T&#252;rkei. Ich schlug au&#223;erdem vor, die Person solle Cem &#214;zdemir fragen, der bezeichnet sich als anatolischen Schwaben und ist gelernter Erzieher.</em></p><p class=„c11“><em>Ich bin humorarchitektonisch so gebaut, dass ich mich &#252;ber solchen Kram, solche Briefe freuen konnte. Als Kolumnistin lernt man sein Land sehr kennen.</em></p><p class=„c11“><em>Als ich vor &#252;ber 15 Jahren anfing, politische Kolumnen zu schreiben (zuvor schrieb ich f&#252;r die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung) wurde der Presseclub noch im Wechsel von Fritz Pleitgen und Peter Vo&#223; moderiert. Mit beiden diskutierte ich in der Sendung, es waren feine &#228;ltere Herren, die ich sehr mochte und respektierte, und beide lobten mich vor laufender Kameras f&#252;r mein hervorragendes Deutsch. Ich fand das nicht schlimm. Mein Deutsch ist schlie&#223;lich auch sehr exzellent. Dennoch wurde ich immer und wieder gefragt, warum ausgerechnet Leute &#187;wie Sie&#171;, also ich, die Kolumne &#187;Deutschstunde&#171; nennen. Der Titel der Serie wurde von Teilen der Leserschaft, die sich kontinuierlich in Rage befinden, unaufh&#246;rlich bem&#228;ngelt. Aber wie h&#228;tte ich die Kolumne anders nennen sollen? Italienischstunde?</em></p><p class=„c11“><em>Dann erkrankte ich. So etwas geschieht manchmal. An irgendeinem Tag irgendeines Monats erh&#228;lt man eine Diagnose, und auf einmal st&#252;lpt sich einem das Leben um. Die Telefoniermittwoche mit meinem geistreichen und mich liebevoll betreuenden Redakteur h&#246;rten auf, die Donnerstage h&#246;rten auf, die Freitage. Die Woche hatte sieben oder siebzig Tage, es spielte alles keine Rolle mehr. Ich h&#246;rte auf zu schreiben und war nur noch damit besch&#228;ftigt, Anschluss ins Jetzt zu finden. Den Morgen vom Abend zu unterscheiden. Mein Radius war pl&#246;tzlich so eingeschr&#228;nkt, so klein, im Stehen, im Gehen, im Sehen und auch im Denken, die totale Weltschrumpfung. Drau&#223;en derweil wurde in der Zwischenzeit der Bundestag gew&#228;hlt, es gab eine neue Regierung, doch ich, die immer so auf der Hut war, blo&#223; keine politische Regung zu verpassen, wusste nicht mehr, wer ist noch gleich der Bildungsminister? Verteidigung? Verbraucherschutz? Ampel, wieso Ampel? Ach so, wegen Rot-Gelb-Gr&#252;n. Die FDP ist auch dabei?</em></p><p class=„c11“><em>Wenn jemand eine Weile nicht mehr zu lesen ist, der sonst immer zu lesen war, ist die Person entweder verstorben oder hat plagiiert. Gestorben bin ich noch nicht, plagiiert habe ich oft, vorzugsweise die Worte von unbekannten Alltagsmajest&#228;ten mit einem poetischen Gesp&#252;r f&#252;r die Dinge. Sie waren und sind mein Kompass geblieben. Meine Familie, meine Nachbarn, meine Freundinnen aus der Kultur, die Leute, die mein Leben sind.</em></p><p class=„c11“><em>Ich habe das erz&#228;hlende Ich, das Wer-ich-bin, aus den Texten herausgehalten, weil ich unbedingt wollte, dass es keine Rolle spielt. Aber das tat es nat&#252;rlich. Meine Biographie und meine Erfahrungen sind der Boden, auf dem ich stand und von wo aus ich die Kolumnen sendete.</em></p><p class=„c11“><em>Mein Vater war ein einfacher, aber belesener Fabrikarbeiter. Er brachte uns Kindern bei, warum wir lebten wie wir lebten. Wir kannten die Architekten unserer Armut und unseres Ghettos. Wir wussten um politische Theorien, weil wir sie erfuhren und mit wachem Verstand durchlitten und mit Humor belachten. Unser Leben war das, was an Universit&#228;ten gelehrt wurde. Ich ahnte also sehr fr&#252;h, dass der Platz, den die Gesellschaft f&#252;r mich vorgesehen hatte, meinen Talenten und Sehns&#252;chten nicht gen&#252;gen w&#252;rde. Ich begriff, dass wir nicht aus Versehen Fehlplatzierte waren, und dass es ein politischer Kampf ist, sich umzusetzen. Wir haben uns als B&#252;rgerinnen begriffen und also haben wir f&#252;r unsere Rechte gek&#228;mpft. Kein einziger Politiker hat uns jemals beigestanden, niemand hat f&#252;r uns Partei ergriffen. Trotzdem, wir haben nicht gejammert. Wir haben nicht auf Twitter um Mitleid gebettelt. Wir haben auf der Stra&#223;e nicht geschl&#228;gert. Der Vater war in der Gewerkschaft, selbstverst&#228;ndlich, die Eltern politisch engagiert. Wir, meine Familie, meine Leute, waren stolze Menschen, wir haben unsere Kr&#228;nkungen, unser Nichthaben und Nichtmitmachend&#252;rfen in politische Forderungen &#252;bersetzt. Wir wurden gehasst, aber wir haben nicht zur&#252;ckgehasst. Das ist das Verm&#228;chtnis meiner Erziehung, von da komm ich her, von da aus schrieb ich.</em></p><p class=„c11“><em>Ich bin immer noch das M&#228;dchen aus dem Sommer &#8216;86 oder &#8216;87, genau wei&#223; ich es nicht mehr, das unter dem Wachturm vom Gef&#228;ngnis in Bing&#246;l stand. Dieser Ort war ber&#252;chtigt f&#252;r grausame Folter als Verh&#246;rmethode an politischen Gefangenen. Ich schaute &#252;ber den Stacheldraht hoch, in der Hoffnung, dass der Soldat runterschaut, denn ich sollte ganz laut hochrufen (so trug es mir die Tante auf) &#187;Lasst Kani Abi frei, oder ich gehe hier nie wieder weg&#171;. Wir wussten, dass sie ihn nicht freilassen w&#252;rden. Das Ziel war, das Herz des Soldaten zu erweichen, damit ich rein und eine Botschaft &#252;bermitteln konnte. V&#246;llig utopisch und weltfremd. Klar. Aber da lernte ich zivilen Ungehorsam.&#160;Sp&#228;ter haben sie meinen Vater verhaftet, angeblich habe er Terroristen in den Bergen mit Medizin versorgt. Mein Vater war aber mit den Medikamenten auf dem Weg zu seinem Bruder. Noch sp&#228;ter, als ich in Deutschland war, sah ich die verbrannten Kinder von Arbeitsmigranten in den Abendnachrichten.</em></p><p class=„c11“><em>Wenn man, egal wo man auf der Welt lebt, von seiner Gesellschaft als Feind betrachtet wird, dann erkennt man schneller, wenn die Luft d&#252;nn wird. Man ist wie Kranich, Pfau und Pirol, ein Vogel, der die Wetterver&#228;nderung in der Atmosph&#228;re sp&#252;rt und seinen Gesang &#228;ndert. Wir fr&#252;hen politischen Kolumnistinnen haben diesen Temperaturwechsel schon Jahrzehnte vorher registriert und mit Regenrufen die Wetterverschlechterung gezwitschert. Ich denke hier vor allem an Autorinnen wie Hilal Sezgin. Ich denke auch an die ersten Autorinnen, Theatermacherinnen, Dichterinnen, die vor mir schrieben. Jede von uns hatte ihre Zeit.</em></p><p class=„c11“><em>Es wird, das schrieb ich schon vor Jahrzehnten, und die vor mir schrieben es auch, f&#252;r eine ganze Weile nicht mehr Menschenrechte geben, sondern weniger. Aber so ist das Leben. Im gr&#246;&#223;eren Ma&#223;stab betrachtet, bewegen sich Gesellschaften immer in Pendelbewegungen. Wer zur richtigen Zeit im richtigen Teil der Welt ist, wird Gl&#252;ck haben und hoch oben in den L&#252;ften schwingen. Die anderen liegen ertrunken und namenlos auf dem Meeresgrund. Ich finde, mein Leben ist nicht lang genug, um das von Woche zu Woche anhand von Politikerzitaten oder Gesetzesvorhaben zu wiederholen. Alles, was ich &#252;ber Politik wei&#223;, habe ich an dieser Stelle geschrieben. Es ist alles gesagt. Es gibt in diesem Genre ohnehin nur diese zwei Techniken. Man verkleinert, verniedlicht, bagatellisiert, oder aber man vergr&#246;&#223;ert und skandalisiert. &#196;sthetisch gibt die Gattung der Kolumne nicht viel her. Ich habe mich an diesem Format fertig geliebt.</em></p><p class=„c11“><em>Nun ist Zeit, Abschied vom politischen Schreiben zu nehmen.</em></p><p class=„c11“><em>Ich m&#246;chte k&#252;nftig die Gr&#228;ser und den Wind besingen. Muss &#252;ber das Leben und den Tod nachdenken. Ich sehne mich so ungeheuerlich danach, den Alltag zu bedichten. Wie ich mich im Fr&#252;hjahr dar&#252;ber freute, wenn mir jemand einen Strau&#223; Tulpen brachte. Hat man Gl&#252;ck, entpuppen sich vor allem die orange-gelben Sorten als duftend. Wenn sie vollst&#228;ndig aufgebl&#252;ht sind, riechen sie nach Vanille. So ein Gl&#252;ck hatte ich im Fr&#252;hling. Nun bl&#252;hen vor meinen Fenster Rosen. Ich habe sie gepflanzt, in der Hoffnung auf Zukunft. Denke bitte blo&#223; niemand, ein fl&#252;chtiges Gef&#252;hl von Gl&#252;ck sei nicht relevant, nicht von Bedeutung. Fragt die Menschen im Krieg. Fragt die Inhaftierten. Fragt die Kranken. Fragt die Sterbenden.</em></p><p class=„c11“><em>Was z&#228;hlt sind die menschlichen oder allt&#228;glichen Beobachtungen, die &#187;kleinen&#171; Begegnungen oder Gedanken. Wenn Sie m&#246;gen, lesen Sie mich k&#252;nftig in &#187;Gute Momente&#171;, immer am Wochenende.</em></p><p class=„c11“><em>Ich verlasse diesen Kolumnenplatz, weil ich meine Kunst retten muss.</em><br />&#160;</p><p class=„c11“><em>(Und ein bisschen auch mich.)</em><br />&#160;</p><p class=„c11“>(Aus &#187;Mein Deutsch ist wirklich exzellent&#171;, Kiyaks Deutschstunde, Zeit Online vom 5. Juli 2023)</p><p>Foto &#169; <a data-id=„http://www.muenchenkotzt.de/“ data-type=„url“ href=„http://www.muenchenkotzt.de/“ class=„c13“>M&#252;nchen kotzt</a></p> </html>