KI-Kontrolle Berlin Südkreuz: Die Bundespolizei liegt falsch

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<html> <div class=„entry-meta“><time class=„entry-date“ datetime=„2020-06-27“ title=„27.06.2020“>27.06.2020</time> <a href=„mailto:max@mixed.de“><img src=„https://mixed.de/resources/icons/icon_mxd_social_email_light.svg“ data-no-lazy=„1“ width=„15“ height=„15“ alt=„email“ title=„email“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></a></div><div id=„title-image“><img src=„https://mixed.de/wp-content/uploads/2021/06/Bahnhof_Berlin_S%C3%BCdkreuz_denis_apel.jpg“ data-no-lazy=„1“ alt=„KI-Kontrolle Berlin S&#252;dkreuz: Die Bundespolizei liegt falsch“ width=„1000“ height=„750“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></div><noscript></noscript><p><em>Titelbild von <a class=„extiw“ title=„de:Benutzer:Denis Apel“ href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Denis_Apel“>Denis Apel</a> &#8211; Eigenes Werk, <a title=„Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0“ href=„https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0“>CC BY-SA 4.0</a>, <a href=„https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2105006“>Link</a></em></p><div id=„article-widget-1“ class=„widget-container widget_block clear adunit-container-incontent-400px unit-note“>Mit Werbeeinnahmen bezahlen wir unsere Redakteur:innen.<br />Mit einem <a href=„https://mixed.de/mixed-plus/“>MIXED-Abo</a> kannst Du unsere Seite werbefrei lesen.</div><p><strong>Ein Jahr lang testete die Bundespolizei KI-&#220;berwachung am Berliner S&#252;dkreuz. Der KI-Forscher Florian Gallwitz kritisiert das Fazit der Beh&#246;rde und warnt vor negativen Konsequenzen.</strong></p><p>Vom 1. August 2017 bis zum 31. Juli 2018 testete die Bundespolizei im Auftrag des Bundesinnenministeriums KI-Gesichtserkennung am Bahnhof Berlin S&#252;dkreuz. Drei Gesichtserkennungssysteme der Hersteller Anyvision, Herta Security und Morpho/IDEMIA analysierten die Kameraaufnahmen von Freiwilligen aus markierten Erkennungsbereichen. Ausgew&#228;hlte Testpersonen betraten den Bahnhof zu unterschiedlichen Zeiten und Situationen und wurden von den Systemen erkannt &#8211; oder auch nicht.</p>_STEADY_PAYWALL_<p>Dem Bundespolizeipr&#228;sidium Potsdam zufolge war <strong>das Projekt ein voller Erfolg</strong>: Es k&#246;nne festgestellt werden, dass &#8222;die aktuell auf dem Markt verf&#252;gbare Gesichtserkennungstechnik aus technischer Sicht f&#252;r den polizeilichen Einsatz auf dem Gebiet der Bahnanlagen der Eisenbahnen des Bundes in Verbindung mit der aktuell durch die Deutsche Bahn AG verwendeten Videotechnik geeignet ist.&#8220; So steht es <a href=„https://www.bundespolizei.de/Web/DE/04Aktuelles/01Meldungen/2018/10/181011_abschlussbericht_gesichtserkennung_down.html“ target=„_blank“ rel=„noopener noreferrer“>im Abschlussbericht des Testlaufs</a>.</p><div id=„ez-toc-container“ class=„ez-toc-v2_0_17 counter-hierarchy counter-decimal“><div class=„ez-toc-title-container“><p class=„ez-toc-title“>Inhalt</p></div></div><h2>&#8222;Reif f&#252;r den produktiven Einsatz&#8220;</h2><p>In einem Fachgespr&#228;ch &#252;ber die technische und verfassungsrechtliche Machbarkeit biometrischer Gesichtserkennung in der Polizeiarbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung wiederholte der Technische Projektleiter des Pilotprojektes, Leonid Scharf, diese Einsch&#228;tzung: <strong>&#8222;Die sehr guten Ergebnisse best&#228;tigen die technische Reife und polizeiliche Verwendbarkeit der Systeme&#8220;</strong>, hei&#223;t es in den von <a href=„https://www.kas.de/de/veranstaltungsberichte/detail/-/content/biometrische-gesichtserkennung-in-der-polizeiarbeit“ target=„_blank“ rel=„noopener noreferrer“>ihm vorgelegten Thesen</a>.</p><p>Im Test zeigte sich, dass ein genaueres System auch h&#228;ufiger Fehlalarme produziert. Erst mit einer Kombination aus mehreren Systemen konnte die Falschtrefferrate reduziert werden: Bei 100.000 erfassten Fahrg&#228;sten w&#252;rde <strong>eine Kombination der zwei besten Systeme am Tag lediglich 0,18 Falschtreffer produzieren</strong>, die von Beamten gepr&#252;ft und verworfen werden m&#252;ssten, schreibt Scharf. Das w&#228;ren pro Monat 5,4 und in einem Jahr etwa 66 Falschtreffer.</p><p>Die Erkennungsgenauigkeit des kombinierten Systems liegt bei etwa 68 Prozent. Sollten sich also 100 zur Fahndung ausgeschriebene Personen im Jahr durch den Bahnhof bewegen, produziert das System 134 Treffer: 68 richtige und die auch ohne Verd&#228;chtige ausgel&#246;sten 66 Fehlalarme.</p><p>Die Beispielrechnung des kombinierten Systems belege eindeutig, dass die Gesichtserkennungstechnik reif f&#252;r den produktiven Einsatz sei und einen Mehrwehrt f&#252;r die polizeiliche Arbeit bringe.</p><h2>Unrealistische Bedingungen</h2><p>Am Fachgespr&#228;ch nahm auch Prof. Dr.-Ing. Florian Gallwitz der TH N&#252;rnberg teil. Der deutsche Forscher ist spezialisiert auf Mustererkennung mit den Schwerpunkten Bild- und Spracherkennung, maschinelles Lernen und Deep Learning.</p><p><strong>Die besten verf&#252;gbaren Gesichtserkennungssysteme seien ohne Frage genauer als Menschen, aber eben nicht fehlerfrei</strong>, erkl&#228;rt Gallwitz: Schlechte Lichtverh&#228;ltnisse, ung&#252;nstige Perspektiven, teilweise Verdeckung des Gesichts, Alterung oder unterschiedliche Kameraoptiken und -aufl&#246;sungen mindern die Erkennungsgenauigkeit.</p><p>In dem Pilotprojekt der Bundespolizei seien <strong>diese St&#246;rfaktoren jedoch minimiert worden</strong>: Die Bilder der Testpersonen f&#252;r die Datenbank der KI-Systeme seien mit den gleichen Kameras geschossen worden, die auch zur Gesichtserkennung genutzt wurden, das hei&#223;t, Kameraoptik und -aufl&#246;sung &#228;ndern sich nicht. Es standen au&#223;erdem mehrere dieser Bilder zur Verf&#252;gung, die mutma&#223;lich so ausgew&#228;hlt wurden, dass sie variable Beleuchtungsverh&#228;ltnisse und Perspektiven beinhalteten.</p><p>Alterseffekte, Bartwuchs, Brillen und andere zeitlich bedingte visuelle Ver&#228;nderungen seien durch den kurzen Verlauf des Projekts ebenfalls ohne Wirkung. <strong>Eine Fahndung etwa auf der Basis eines 15 Jahre alten Passfotos sei nicht mit den Bedingungen des Testlaufs zu vergleichen &#8211; es sei mit einer Vervielfachung der Fehlerrate zu rechnen.</strong></p><p>Hinzu k&#228;me, dass die Testpersonen vermutlich bewusst oder unbewusst h&#228;ufiger in Richtung der installierten Kameras geschaut h&#228;tten. Das helfe der Trefferrate und sei nicht mit einem Kriminellen zu vergleichen, der sich der Erkennung bewusst entziehen w&#252;rde beispielsweise durch eine Schirmm&#252;tze oder den Blick nach unten.</p><p>Im echten Einsatz l&#228;gen Genauigkeit und Falschtrefferrate daher wohl weit &#252;ber den Ergebnissen des Pilotprojekts.</p><h2>Unangenehme Konsequenzen</h2><p>Hinzu kommt: Nat&#252;rlich k&#246;nnen auch Polizisten Verd&#228;chtige falsch identifizieren. Durch die automatisierte <a href=„https://mixed.de/tag/ki-ueberwachung“>KI-&#220;berwachung</a> ist allerdings davon auszugehen, dass mehr und schneller &#252;berwacht wird, was in insgesamt mehr Fehlalarmen und damit auch zu mehr ungerechtfertigten Kontrollen f&#252;hrt.</p><p>Denn auch wenn die Falschtrefferrate stabil bliebe, stelle die verbleibende Ungenauigkeit f&#252;r eine Echtzeit-&#220;berwachung ein erhebliches Problem dar, mein Gallwitz. <strong>Eine deutschlandweite Fahndung nach einem Schwerkriminellen oder Terroristen mit einem solchen System w&#252;rde t&#228;glich Dutzende Fehlalarme produzieren.</strong></p>&lt;?php if (get_locale() !== 'de_DE') return; ??&gt;<div class=„x-plus-content“><img src=„https://mixed.de/resources/logos/logo_mxd_x-plus.svg“ alt=„logo“ width=„105“ height=„32“ referrerpolicy=„no-referrer“ /><div class=„wrap“><ul><li><img src=„https://mixed.de/resources/icons/icon_mxd_check.svg“ alt=„check“ width=„10“ height=„9“ referrerpolicy=„no-referrer“ />MIXED.de ohne Werbebanner</li><li><img src=„https://mixed.de/resources/icons/icon_mxd_check.svg“ alt=„check“ width=„10“ height=„9“ referrerpolicy=„no-referrer“ />Zugriff auf mehr als 9.000 Artikel</li></ul><ul><li><img src=„https://mixed.de/resources/icons/icon_mxd_check.svg“ alt=„check“ width=„10“ height=„9“ referrerpolicy=„no-referrer“ />K&#252;ndigung jederzeit online m&#246;glich</li></ul><div>ab 2,80 &#8364; / Monat</div></div><div class=„support-now“><a class=„button“ href=„https://mixed.de/mixed-plus/“>Jetzt unterst&#252;tzen</a></div></div><p>In der Regel l&#246;se ein Blick eines Polizeibeamten auf die Kamerabilder das Problem nicht &#8211; schlie&#223;lich sind die KI-Systeme genauer und eine &#196;hnlichkeit der Person zumindest wahrscheinlich. Daher sei eine <strong>Personenkontrolle zu erwarten, die unter der Annahme stattfinde, dass es sich um einen gesuchten, m&#246;glicherweise bewaffneten Schwerkriminellen handle</strong>. Ein &#252;berwiegender Anteil dieser Kontrollen w&#252;rde zu Unrecht erfolgen.</p><p>Unabh&#228;ngig dieser Zahlen &#228;u&#223;ert Gallwitz eine fundamentale Kritik an Gesichtserkennungssystemen: &#8222;Der Staat k&#246;nnte alternativ durch Zugriff auf die gespeicherten Passfotos der B&#252;rger ein umfassendes &#220;berwachungssystem realisieren. <strong>Die M&#246;glichkeit, sich anonym in der &#214;ffentlichkeit zu bewegen, w&#252;rde damit der Vergangenheit angeh&#246;ren.</strong>&#8220;</p><p>Er fordert daher eine strenge gesetzliche Regulierung des Einsatzes entsprechender Systeme durch staatliche Stellen, Privatpersonen und Firmen.</p><h2>Bereits die automatische Erfassung von Kennzeichen ist in Deutschland stark reguliert</h2><p>Solche Regulierungen sind gerade in Deutschland wahrscheinlich: <strong>Die beiden Juristen Professor Dr. Klaus F. G&#228;rditz und PD Dr. Andreas Kulick verweisen im Fachgespr&#228;ch auf die hohen H&#252;rden des Einsatzes von Gesichtserkennungssystemen</strong>.</p><p>Die bestehende Rechtsprechung unterwerfe schon die automatische Erfassung und Auswertung von Fahrzeugkennzeichen hohen Rechtfertigungsanforderungen. Dort sind anlasslose oder fl&#228;chendeckende Ma&#223;nahmen unzul&#228;ssig.</p><p>Dar&#252;ber hinaus geh&#246;rt es nach dem Bundesverfassungsgericht zur &#8222;Freiheitlichkeit des Gemeinwesens&#8220;, dass &#8222;sich die B&#252;rgerinnen und B&#252;rger grunds&#228;tzlich fortbewegen k&#246;nnen, ohne dabei beliebig staatlich registriert zu werden, hinsichtlich ihrer Rechtschaffenheit Rechenschaft ablegen zu m&#252;ssen und dem Gef&#252;hl eines st&#228;ndigen &#220;berwachtwerdens ausgesetzt zu sein&#8220; (BVerfGE 150, 244 [268]).</p><p>Daraus folge, dass <strong>f&#252;r Ma&#223;nahmen der Gesichtserkennung erheblich strengere Voraussetzungen</strong> gelten m&#252;ssten, sagt Kulick.</p><h2>Automatisierte KI-Gesichtserkennung: Kritik w&#228;chst</h2><p>Das politische Klima in Deutschland und vor allem den USA hat sich sp&#228;testens seit der Clearview-Enth&#252;llung der New York Times im Januar ge&#228;ndert. Die <a href=„https://mixed.de/gesichtserkennungs-app-clearview-heimtueckischer-eingriff-in-die-freiheit-des-individuums/“>Gesichtserkennungs-App ClearView</a> schockte auch diejenigen, die dem Thema bisher keine gro&#223;e Aufmerksamkeit schenkten.</p><p>Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) trat kurz nach der Clearview-Enth&#252;llung &#246;ffentlich von seinen urspr&#252;nglichen Pl&#228;nen zur&#252;ck, den <a href=„https://netzpolitik.org/2020/innenministerium-streicht-automatisierte-gesichtserkennung/“ target=„_blank“ rel=„noopener noreferrer“>Einsatz von biometrischen Gesichtserkennungssystemen auszuweiten</a> und die EU-Kommission plant wohl eine geregelte <a href=„https://mixed.de/eu-will-gesichtserkennung-verbieten/“>Gesichtserkennungs-Auszeit</a> von bis zu f&#252;nf Jahren.</p><p>Wie die Analysen von G&#228;rditz und Kulick zeigen, ist der Grund f&#252;r Seehofers Sinneswandel wohl nicht ausschlie&#223;lich schlechte Publicity durch ClearView &#8211; <strong>es existieren bereits rechtliche H&#252;rden in Deutschland</strong>.</p><p>Aufgegeben haben die Sicherheitsbeh&#246;rden ihren Wunsch nach Gesichtserkennungs-Software wohl noch lange nicht: Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Mathias Middelberg (CDU), sagte im Januar gegen&#252;ber <a href=„https://www.tagesschau.de/inland/gesichtserkennung-bundespolizei-101.html“ target=„_blank“ rel=„noopener noreferrer“>der Tagesschau</a>: &#8222;<strong>Wir wollen daran festhalten:&#160;die Bundespolizei sollte k&#252;nftig in klar definierten Grenzen Kameras zur Gesichtserkennung einsetzen d&#252;rfen.</strong>&#8220;</p><p>Es gehe nicht um eine fl&#228;chendeckende &#220;berwachung der B&#252;rger, sondern um &#8222;die gezielte Suche nach Schwerstkriminellen und Terroristen an besonders gef&#228;hrdeten Bahnh&#246;fen oder Flugh&#228;fen&#8220;. Mit Gesichtserkennungssystemen h&#228;tte man etwa den Terroristen Anis Amri, der im Dezember 2016 zw&#246;lf Menschen in Berlin t&#246;tete, auf seiner Flucht aufsp&#252;ren k&#246;nnen, sagt Middelberg.</p><p>Was von solchen und anderen Argumenten zu halten ist, haben wir in unserem Artikel &#252;ber das <a href=„https://mixed.de/fuer-und-wider-der-ki-ueberwachung/“>F&#252;r und Wider der KI-&#220;berwachung</a> analysiert. Au&#223;erdem diskutieren wir das Thema <a href=„https://mixed.de/mixedcast-180-weshalb-ki-ueberwachung-so-gefaehrlich-ist/“ target=„_blank“ rel=„noopener noreferrer“>im MIXED.de Podcast #180</a>.</p><h3>Weiterlesen &#252;ber K&#252;nstliche Intelligenz:</h3><div id=„wp-worthy-pixel“><img class=„wp-worthy-pixel-img“ src=„https://vg02.met.vgwort.de/na/61a31bfb838346b7950a1b511b5ee3b1“ data-no-lazy=„1“ data-skip-lazy=„1“ height=„1“ width=„1“ alt=„“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></div><p class=„link-note“>Hinweis: Links auf Online-Shops in Artikeln k&#246;nnen sogenannte Affiliate-Links sein. Wenn ihr &#252;ber diesen Link einkauft, erh&#228;lt MIXED.de vom Anbieter eine Provision. F&#252;r euch ver&#228;ndert sich der Preis nicht.</p> </html>