Missing Link: 50 Jahre Radikalenerlass

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<html> <header class=„article-header“><h1 class=„articleheading“>Missing Link: 50 Jahre Radikalenerlass</h1><div class=„publish-info“> Detlef Borchers</div></header><figure class=„aufmacherbild“><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/2/6/1/0/4/7/KAS-Radikalenerlass-Bild-11706-1-268bd94b9bcdd535.jpg-41416893928626c1.jpeg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/2/6/1/0/4/7/KAS-Radikalenerlass-Bild-11706-1-268bd94b9bcdd535.jpg-41416893928626c1.jpeg 700w, https://heise.cloudimg.io/width/1050/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/2/6/1/0/4/7/KAS-Radikalenerlass-Bild-11706-1-268bd94b9bcdd535.jpg-41416893928626c1.jpeg 1050w, https://heise.cloudimg.io/width/1500/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/2/6/1/0/4/7/KAS-Radikalenerlass-Bild-11706-1-268bd94b9bcdd535.jpg-41416893928626c1.jpeg 1500w, https://heise.cloudimg.io/width/1914/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/2/6/1/0/4/7/KAS-Radikalenerlass-Bild-11706-1-268bd94b9bcdd535.jpg-41416893928626c1.jpeg 1914w“ alt=„“ class=„img-responsive“ referrerpolicy=„no-referrer“ /><figcaption class=„akwa-caption“>Wandzeitung der CDU gegen das Abr&#252;cken der SPD-L&#228;nder vom Radikalenerlass(Bild:&#160;Von CDU - Diese Datei wurde Wikimedia Commons freundlicherweise von der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen eines Kooperationsprojektes zur Verf&#252;gung gestellt. <a href=„https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30236909“ target=„_blank“ rel=„external noopener“>CC BY-SA 3.0 de</a>)</figcaption></figure><p><strong>Eine lange, schlechte Tradition startete am 28. Januar 1972. Die Ministerpr&#228;sidentenkonferenz verabschiedete den „Extremistenbeschluss“ &#8211; mit Folgen.</strong></p><p>Am 28. Januar 1972 verabschiedete die Ministerpr&#228;sidentenkonferenz unter Vorsitz des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt den „Extremistenbeschluss“. Er hielt fest, dass keine Menschen in den Staatsdienst aufgenommen werden d&#252;rfen, die nicht jederzeit r&#252;ckhaltlos f&#252;r die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten. Zur &#220;berpr&#252;fung der Einstellung eines Beamtenanw&#228;rters sollte der Dienstherr eine Regelanfrage an den Verfassungsschutz stellen. Dieser „Radikalenerlass“ sollte verhindern, dass linke Lehrerinnen und Lehrer in die Schulen kommen. Betroffen waren aber auch Hochschulangeh&#246;rige und studentische Hilfskr&#228;fte, Bahnbeamte, Brieftr&#228;ger, Bibliothekare und Verwaltungsangestellte.</p><header class=„a-boxheader“ data-collapse-trigger=„“>„Missing Link“</header><div class=„a-boxtarget a-boxcontent a-inline-textboxcontent a-inline-textboxcontent–horizontal-layout“ data-collapse-target=„“><figure class=„a-inline-textboximage-container“><img alt=„“ src=„https://heise.cloudimg.io/width/210/q50.png-lossy-50.webp-lossy-50.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/2/1/3/9/8/8/1/MissingLink-5014ce8c801500e5.jpg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/420/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/2/1/3/9/8/8/1/MissingLink-5014ce8c801500e5.jpg 2x“ class=„c1“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></figure><div class=„a-inline-textboxcontent-container“><p class=„a-inline-textboxsynopsis“>Was fehlt: In der rapiden Technikwelt h&#228;ufig die Zeit, die vielen News und Hintergr&#252;nde neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischent&#246;ne h&#246;rbar machen.</p><ul class=„a-inline-textboxlist“><li class=„a-inline-textboxitem“><a class=„a-inline-textboxtext“ href=„https://www.heise.de/thema/Missing-Link“ title=„Mehr zum Feuilleton“><strong>Mehr zum Feuilleton „Missing Link“ [1]</strong></a></li></ul></div></div><p>Was Willy Brandt und die Ministerpr&#228;sidenten der Bundesl&#228;nder unterschrieben, war zuvor von der Innenministerkonferenz und den Verfassungsschutz&#228;mtern ausgearbeitet worden. Letztere waren mit der Beobachtung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) besch&#228;ftigt, deren Gr&#252;ndung 1968 von der Gro&#223;en Koalition noch toleriert wurde. Ab den 70er Jahren kamen diverse K-Gruppen hinzu, etwa der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW). Gro&#223;en Einfluss auf den Radikalenerlass hatte auch der <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Bund_Freiheit_der_Wissenschaft“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Bund Freiheit der Wissenschaft [2]</strong></a>, der unerm&#252;dlich vor der linken Bedrohung warnte und an die „Treuepflicht“ der Beamten erinnerte.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_eine_lange0“>Eine lange, schlechte Tradition</h3><p>Diese deutsche Besonderheit hatte eine lange, schlechte Tradition. So lehnte sich der Radikalenerlass an das <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Wiederherstellung_des_Berufsbeamtentums“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums [3]</strong></a> von 1933 an, das alle Beamte aus dem Staatsdienst entfernte, „die nach ihrer bisherigen politischen Bet&#228;tigung nicht die Gew&#228;hr daf&#252;r bieten, dass sie jederzeit r&#252;ckhaltlos f&#252;r den nationalen Staat eintreten.“ Geht man noch weiter zur&#252;ck, so landet man in Preu&#223;en, wo 1819 Friedrich Wilhelm III. in einer Kabinettsorder die &#220;berpr&#252;fung der Staatstreue aller Lehrer anordnete: „Durch die nachdr&#252;cklichsten Ma&#223;regeln muss verhindert werden, dass ein Lehrer der h&#246;heren Schulanstalten durch die Tendenz seines Unterrichts die Jugend zu d&#252;nkelhafter Anma&#223;ung veranlasse, als stehe ihr schon ein eigenes Urteil &#252;ber die Zeitereignisse und die &#246;ffentlichen Angelegenheiten zu und als sei sie besonders berufen, in die Gestaltung des &#246;ffentlichen Lebens t&#228;tig einzugreifen oder gar eine ertr&#228;umte bessere Ordnung der Dinge herbeizuf&#252;hren.“ Nach dieser Order wurden fortschrittliche Lehrer wie der <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_Jahn“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>'Turnvater' Jahn [4]</strong></a> im Rahmen der <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Demagogenverfolgung“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Demagogenverfolgung [5]</strong></a> verhaftet und aus dem Staatsdienst entlassen.</p><p>Der in dieser Tradition stehende Radikalenerlass von 1972 wurde von allen im Bundestag vertretenen Parteien getragen. Die Regelanfrage beim Verfassungsschutz wurde in SPD-gef&#252;hrten wie in CDU- beziehungsweise CSU-gef&#252;hrten Bundesl&#228;ndern praktiziert. Bei der Er&#246;ffnung von Verfahren gegen Beamte oder Beamtenanw&#228;rter und bei der Erteilung von Berufsverboten lagen die SPD-L&#228;nder deutlich vor den L&#228;ndern der CDU/CSU. W&#228;hrend die Praxis der Regelanfrage in SPD-L&#228;ndern bereits 1976 zur&#252;ckgefahren und 1980 eingestellt wurde, lief sie in CDU-regierten L&#228;ndern bis 1988 weiter, in Bayern bis 1991.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_berufsverbote1“>Berufsverbote f&#252;r Staatsdiener</h3><p>Insgesamt wurde 3,5 Millionen solcher Anfragen an die Verfassungsschutz&#228;mter gestellt, die in 35.000 F&#228;llen Material &#252;ber die Bewerber lieferten. Diese sollen zu 12.000 eingeleiteten Berufsverbotsverfahren f&#252;hrten, eine Zahl, die einigen Historikern zu hoch erscheint. 2250 Bewerber waren daraufhin von einem Berufsverbot betroffen; 256 Menschen wurden aus dem &#246;ffentlichen Dienst entlassen. Nach einer soziologischen Untersuchung von 1004 Berufsverboten waren 78,8 Prozent Lehrer, 12,1 Prozent Hochschulangeh&#246;rige und 5 Prozent Justizangestellte, der Rest waren Post- und Bahnbeamte. 41,4 Prozent dieser Gruppe geh&#246;rten der DKP und ihren Unterorganisationen an, 14,4 waren Mitglied bei einer der K-Gruppen. Bekanntester Fall d&#252;rfte heute das ehemalige KBW-Mitglied <a href=„https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/563/das-war-keine-erfolgsgeschichte-7951.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Winfried Kretschmann [6]</strong></a> sein, der zeitweilig einem Berufsverbot unterlag, dann aber doch noch Lehrer werden konnte.</p><p>Unter den 2250 F&#228;llen von Berufsverboten angehender Bewerber finden sich sieben SPD-Mitglieder. Sie hatten etwa bei Studentenratswahlen gemeinsam mit Mitgliedern des <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Marxistischer_Studentenbund_Spartakus“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Marxistischen Studentenbundes Spartakus (MSB) [7]</strong></a> auf einer Liste kandidiert. Prominentester Fall war dabei kein angehender Staatsdiener, sondern ein Jurist: 1977 schmiss die SPD den Juso-Bundesvorsitzenden <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Uwe_Benneter“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Klaus-Uwe Benneter [8]</strong></a> aus der Partei, weil er mit der DKP zusammengearbeitet und damit gegen den <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Unvereinbarkeitsbeschluss“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Unvereinbarkeitsbeschluss [9]</strong></a> der Partei versto&#223;en haben soll.</p><p>Weitere sieben Berufsverbote ergingen nicht gegen links, sondern gegen rechts: Sie wurden gegen Parteimitglieder der NPD ausgesprochen, von denen nach einer Aufstellung aus dem Jahre 1967 rund 1200 Parteimitglieder im Dienste des Staates standen. Gro&#223;es Aufsehen verursachte der Fall des Gymnasiumdirektors <a href=„https://www.spiegel.de/politik/tief-drin-a-424a9ba5-0002-0001-0000-000014346917“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Karl-Heinz Kausch [10]</strong></a>, der im Unterricht &#252;ber die „Auschwitzl&#252;ge“ gesprochen sowie B&#252;cher &#252;ber die Waffen-SS positiv besprochen hatte. Er wurde aus dem Dienst entlassen, klagte aber erfolgreich vor einem Gericht. Als Oberstudienrat degradiert, konnte er mit einer einj&#228;hrigen zehnprozentigen K&#252;rzung seiner Bez&#252;ge wieder unterrichten, weil das Gericht keine Anzeichen daf&#252;r sah, dass Kausch die „Pflicht zur Verfassungstreue“ missachtet hatte. Was ist schon das mehrmalige Lob der Waffen-SS gegen das „mehrmalige Parken seines Autos vor KBW-B&#252;ro“, das der Verfassungsschutz zu einem Lehramtsanw&#228;rter meldete? Allein das Singen im <a href=„https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/6NX5R4DAJ3LQ2QV5QE35656QIC7KKB2F“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Hanns Eisler Chor Berlin [11]</strong></a> reichte aus, um aus dem &#246;ffentlichen Dienst entfernt zu werden. Schlie&#223;lich trat dieser auf einer der vielen Konferenzen gegen die Berufsverbote auf.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_das2“>Das „folgenreichste Desaster in der Geschichte der alten Bundesrepublik“</h3><p>Vor gut einem Jahr schrieb der Journalist Heribert Prantl in der S&#252;ddeutschen Zeitung &#252;ber den <a href=„https://radikalenerlassbawuede.files.wordpress.com/2021/01/scan_20210124.pdf“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Radikalenerlass [12]</strong></a> (PDF-Datei), den er als das „folgenreichste Desaster in der Geschichte der alten Bundesrepublik“ bezeichnete. Die „bundesweite Gesinnungsschn&#252;ffelei bei einer ganzen Generation“ f&#252;hrte dazu, dass sich ebendiese Generation vom Staat abwandte. Dabei stand der Erlass nicht allein auf weiter Flur, sondern war nur eines von mehreren Vorhaben, die „linke Subversion“ zu verhindern.</p><p>Nur ein Beispiel: In Niedersachsen wurde gleichzeitig mit dem <a href=„https://www.mao-projekt.de/BRD/NS/SRK/Niedersachsen_Wehrkunde.shtml“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Wehrkundeerlass [13]</strong></a> des Kultusministers Peter von Oertzen (SPD) der Versuch gemacht, Unterricht &#252;ber die Bundeswehr in die Schulen zu tragen. Als eifriger Verfechter des Radikalenerlasses suspendierte von Oertzen bereits am 20. Januar 1972 den Hochschullehrer <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Br%C3%BCckner“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Peter Br&#252;ckner [14]</strong></a> vom Dienst. Das musste er nach zwei Semestern zur&#252;cknehmen. Sein Nachfolger Werner Remmers (CDU) setzte 1977 ein erneutes Berufsverbot gegen Br&#252;ckner durch, das 1981 von einem Gericht kassiert wurde.</p><p>Wir Oberstufensch&#252;ler demonstrierten mit den Studenten in Hannover f&#252;r Br&#252;ckner, aber auch f&#252;r Lehrer wie Heiko Pannemann und Bernd Pagell, die ersten Opfer der Berufsverbote in Niedersachen. „Die Sache“, die Zeitung der Nieders&#228;chsischen Landessch&#252;lervertretung, berichtete monatlich ab Februar 1972 &#252;ber Lehrer und Lehramtsbewerber, die betroffen waren. Besonders engagierte sie sich f&#252;r den Hochschullehrer <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Holzer“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Horst Holzer [15]</strong></a>, der Rufe an die Universit&#228;t Bremen und Oldenburg bekam, aber als DKP-Mitglied nicht zum Professor berufen wurde.</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><figcaption class=„a-caption“>„Die Sache“ &#8211; Zeitung der Nieders&#228;chsischen Landessch&#252;lervertretung</figcaption></div></figure><h3 class=„subheading“ id=„nav_ein3“>Ein internationaler Vorfall</h3><p>Der Liedermacher Franz-Josef Degenhardt schrieb das Gedicht <a href=„http://berufsverbote.de/index.php/belehrung-nach-punkten.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Belehrung nach Punkten [16]</strong></a>, in dem er sich die Regelanfrage beim Verfassungsschutz als Lochkarte vorstellte, mit der der Datenspeicher eines Computers gef&#252;ttert wird: „Na, und hier in Ihrer Akte &#8211; das gibt&#8217;s jetzt in jeder Akte &#8211; die Bewertungskarte PPD; das ist die politische Personaldatei. Haben wir uns ausgedacht. Echter Fortschritt, Punktbewertung, Lochkartensystem und praktisch so wie die Verkehrss&#252;nderkartei. Das objektiviert die Sache ganz enorm. Und damit ist der Gleichheitsgrundsatz bestens garantiert und ist alles demokratisch, haha. Und so funktioniert die Sache: Jeder Minuspunkt ein Loch, und ist die Minuspunktzahl von 45 dann erreicht, dann: Juppdika und ratata: der Datenspeicher wirft die Karte aus, und wir wissen: Wieder mal ein Radikaler, bietet nicht Gew&#228;hr, voll einzutreten jederzeit f&#252;r diese freiheitliche und so weiter, na Sie wissen schon!“</p><p>Die gr&#246;&#223;te Beachtung fand der Radikalenerlass indes im europ&#228;ischen Ausland. Gleich am Anfang der Verbotspraxis ereignete sich ein internationaler Vorfall, als wenige Tage nach Inkrafttreten des Extremistenbeschlusses dem belgischen Marxisten und &#214;konomen <a href=„https://www.rosalux.de/news/id/45662“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Ernest Mandel [17]</strong></a> am 28. Februar 1972 in Frankfurt/Main die Einreise verweigert wurde. Mandel, ein ehemaliger KZ-Insasse und F&#252;hrer der Vierten Internationale, hatte einen Ruf als Professor an das Berliner Otto-Suhr-Institut erhalten, dem sich der dortige Wissenschafts- und Kultursenator Werner Stein (SPD) unter Berufung auf den Radikalenerlass widersetzte. Erst 1978 wurde das Einreiseverbot f&#252;r den Belgier durch Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) aufgehoben.</p><p>Besonders in Italien und Frankreich, wo die kommunistischen Parteien in den 70er Jahren eine wichtige Rolle spielten, sorgte der Radikalenerlass f&#252;r Emp&#246;rung. Das Wort „Berufsverbot“ wanderte in die franz&#246;sische Sprache. Der sp&#228;tere franz&#246;sische Pr&#228;sident Fran&#231;ois Mitterrand schrieb eine Serie von Artikeln, die die deutschen Berufsverbote scharf kritisierten. Er solidarisierte sich mit der aus dem Schuldienst entfernten Lehrerin <a href=„http://www.berufsverbote.de/index.php/fall-gingold.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Silvia Gingold [18]</strong></a>, der Tochter des R&#233;sistance-Mitglieds Peter Gingold.</p><h3 class=„subheading“ id=„navquot_es_gibt4“>„Es gibt bei uns kein Berufsverbot“</h3><p>Das f&#252;hrte wiederum dazu, dass das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung f&#252;r <a href=„https://germanhistorydocs.ghi-dc.org/docpage.cfm?docpage_id=1504&amp;language=german“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>zwei Millionen Deutsche Mark [19]</strong></a> eine Anzeigenserie startete, um Bundesdeutsche auf Ferienreisen in diesen L&#228;ndern auf politische Diskussionen vorzubereiten. Wenn sie gefragt werden, warum es in Deutschland keine kommunistischen Brieftr&#228;ger oder Lokomotivf&#252;hrer oder eben auch Lehrer geben darf, sollten sie antworten: „Es gibt bei uns kein Berufsverbot. Auch dann nicht, wenn jemand extreme Meinungen vertritt. Aber unsere Beamtengesetze sehen vor, dass Gegner des demokratischen Staates nicht im Staatsdienst besch&#228;ftigt werden d&#252;rfen. Grunds&#228;tzlich gilt: Niemand wird aus dem Staatsdienst wegen seiner politischen &#220;berzeugung entlassen. Sondern nur aufgrund aktiver Handlungen gegen die Demokratie.“</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><figcaption class=„a-caption“>Begr&#252;ndungen f&#252;r Berufsverbote und politisch motivierte Entlassungen &#8211; Eine Auswahl an dokumentierten F&#228;llen</figcaption></div></figure><p>„Inzwischen sollten wir uns allerdings fragen, ob einige in unserem Land die &#220;berpr&#252;fung von Bewerbern f&#252;r den &#246;ffentlichen Dienst nicht &#252;bertreiben. &#220;berzogene Reaktionen der Verwaltung verdienen mit Recht Kritik. Denn: das gewachsene Vertrauen in die Stabilit&#228;t unserer Demokratie erfordert mehr Toleranz und Gelassenheit. Das ist auch wichtig, wenn Europa &#8211; wie durch die Direktwahl des Europ&#228;ischen Parlaments im n&#228;chsten Jahr &#8211; weiter zusammenwachsen soll.“</p><h3 class=„subheading“ id=„navquot_die5“>„Die Deutschen ordnen alles. Mit Sicherheit.“</h3><p>George Orwell h&#228;tte an dieser Form der Sprach-Narkotisierung seine Freude gehabt. Die hatte zumindest der Karikaturist, der dazu eine Sandburg namens „Burg Burgfrieden“ zeichnete, auf der ein geifernder Deutscher seine Sippe beim Burgbau antreibt, w&#228;hrend Franzosen und Italiener mit Brot und Wein am Strand auf schlichten Decken zusehen, was die Deutschen da treiben. &#220;berschrieben ist das Ganze mit „Die Deutschen ordnen alles. Mit Sicherheit.“ Die skurrile Ferienaufkl&#228;rung erschien 1978 f&#252;nf Wochen lang vor den Sommerferien in Illustrierten wie dem Spiegel und dem Stern.</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><figcaption class=„a-caption“>Die Deutschen ordnen alles. Mit Sicherheit.</figcaption></div><p class=„a-captionsource“>(Bild:&#160;Dokument aus: Stern 34/1978)</p></figure><p>Zu dieser Zeit hatte Willy Brandt l&#228;ngst eingesehen, dass der Radikalenerlass ein kapitaler Fehler war. 1976 nannte er das Vorgehen einen „Irrtum“, w&#228;hrend sein engster Zuarbeiter Horst Ehmke von einem „politischen Missurteil“ sprach. Im Wahljahr 1976 machte hingegen <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Radikalenerlass#/media/Datei:KAS-Radikalenerlass-Bild-11706-1.jpg“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>die CDU mit dem Slogan Wahlkampf [20]</strong></a>: „Wir werden nicht zulassen, da&#223; Kommunisten unsere Kinder zu Kommunisten erziehen.“</p><p>Sp&#228;ter zogen weitere Sozialdemokraten nach und nannten den Erlass einen <a href=„https://www.spiegel.de/politik/das-ist-politischer-exorzismus-a-7bd467fe-0002-0001-0000-000040616552“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>politischen Exorzismus [21]</strong></a> oder gaben den „Kerlen in der Verwaltung“ die Schuld, die Regelanfrage beim Verfassungsschutz exzessiv zu nutzen. Als einziges prominentes SPD-Mitglied verteidigte der „linke“ SPD-Politiker Peter Glotz den Radikalenerlass. Er habe „durchaus das erreicht, was er erreichen sollte: der Zustrom zu kommunistischen Parteien wurde sichtbar verringert.“ Das Aufkommen der Alternativbewegung und der Gr&#252;nen zog Glotz nicht ins Kalk&#252;l.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_sieg_der6“>Sieg der Menschenrechte</h3><p>Der Erlass war nicht nur Bundes-, sondern L&#228;ndersache, und die L&#228;nder legten ihn sehr unterschiedlich aus. Die meisten Berufsverbote gab es im SPD-gef&#252;hrten Nordrhein-Westfalen und in Baden-W&#252;rttemberg unter Ministerpr&#228;sident Hans Filbinger (CDU), einem ehemaligen NSDAP-Mitglied und Richter. Die wenigsten im Saarland, das 1985 als erstes Bundesland die Regelanfrage abschaffte. Die auf Bundesl&#228;nder aufgeschl&#252;sselten Zahlen stammen vom III. Russell-Tribunal, das sich 1978 und 1979 unter Vorsitz des Herzegowiners Vladimir Dedijer mit dem Radikalenerlass besch&#228;ftigte. Dedijer selbst fiel unter das System der „politischen Erw&#252;nschtheit“ im sozialistischen Jugoslawien und hatte in Belgrad ein Lehrverbot.</p><p>Das Tribunal stellte in seinem Schlussgutachten fest, dass durch die Praxis der Berufsverbote die UN-Deklaration der Menschenrechte und die deutsche Verfassung verletzt wurden: „Sie wurden verletzt nicht nur durch die Berufsverbote &#8211; und das sind Tausende von F&#228;llen &#8211;, sondern bereits das gesamte Verfahren stellt eine Menschenrechtsverletzung dar. Zehntausende sind davon betroffen.“ Zu einem &#228;hnlichen Urteil kam der Europ&#228;ische Gerichtshof f&#252;r Menschenrechte im Jahr 1995. Er verhandelte den Fall der Jevener Lehrerin <a href=„http://www.berufsverbote.de/index.php/EuGM.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Dorothea Vogt [22]</strong></a>, die als DKP-Mitglied aus dem Staatsdienst entfernt wurde. Das Gericht stellte fest, dass das Land Niedersachsen „unverh&#228;ltnism&#228;&#223;ig“ gehandelt habe. Das Urteil f&#252;hrte dazu, dass Vogt eine Wiedergutmachungszahlung erhielt, auch wenn Juristen bezweifelten, dass es sich um einen <a href=„https://www.sopos.org/aufsaetze/40322606b3371/1.phtml.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Sieg der Menschenrechte [23]</strong></a> handelte, wie viele Zeitungen schrieben.</p><p>Bereits das III. Russell-Tribunal forderte neben der Aufhebung des Radikalenerlasses eine Entschuldigung der Bundesregierung f&#252;r die Menschenrechtsverletzung. Zum 50. Jahrestag des Extremistenbeschlusses gibt es eine Reihe empfehlenswerter Dokumentationen, etwa die der <a href=„https://www.rosalux.de/dossiers/der-radikalenbeschluss-wird-50“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Rosa-Luxemburg-Stiftung [24]</strong></a>. Auch die ARD berichtete in einer Dokumentation &#252;ber die <a href=„https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/geschichte-im-ersten/sendung/jagd-auf-verfassungsfeinde-100.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Jagd auf die Verfassungsfeinde [25]</strong></a>. In der Dokumentation kommt der bereits erw&#228;hnte Journalist Prantl zu Wort, der seit einem Jahr eine Entschuldigung der Politik fordert und dabei auf die neue Bundesregierung setzt: „Es bricht dem Staat keine Zacken aus der Krone, wenn er erkl&#228;rt, dass die millionenfachen, generalmisstrauischen &#220;berpr&#252;fungen der Siebziger- und Achtzigerjahre falsch waren. Es bricht dem Staat auch kein Zacken aus der Krone, wenn er in geeigneten F&#228;llen Schadensersatz leistet.“</p><p>() </p><hr /><p><strong>URL dieses Artikels:</strong><br /><small>

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</small></p><p><strong>Links in diesem Artikel:</strong><br /><small>

<strong>[1]</strong>&#160;https://www.heise.de/thema/Missing-Link

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<strong>[2]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Bund_Freiheit_der_Wissenschaft

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<strong>[3]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Wiederherstellung_des_Berufsbeamtentums

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<strong>[4]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_Jahn

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<strong>[5]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Demagogenverfolgung

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<strong>[6]</strong>&#160;https://www.kontextwochenzeitung.de/politik/563/das-war-keine-erfolgsgeschichte-7951.html

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<strong>[7]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Marxistischer_Studentenbund_Spartakus

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<strong>[8]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Uwe_Benneter

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<strong>[9]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Unvereinbarkeitsbeschluss

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<strong>[10]</strong>&#160;https://www.spiegel.de/politik/tief-drin-a-424a9ba5-0002-0001-0000-000014346917

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<strong>[11]</strong>&#160;https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/6NX5R4DAJ3LQ2QV5QE35656QIC7KKB2F

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<strong>[12]</strong>&#160;https://radikalenerlassbawuede.files.wordpress.com/2021/01/scan_20210124.pdf

</small><br /><small>

<strong>[13]</strong>&#160;https://www.mao-projekt.de/BRD/NS/SRK/Niedersachsen_Wehrkunde.shtml

</small><br /><small>

<strong>[14]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Br%C3%BCckner

</small><br /><small>

<strong>[15]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Holzer

</small><br /><small>

<strong>[16]</strong>&#160;http://berufsverbote.de/index.php/belehrung-nach-punkten.html

</small><br /><small>

<strong>[17]</strong>&#160;https://www.rosalux.de/news/id/45662

</small><br /><small>

<strong>[18]</strong>&#160;http://www.berufsverbote.de/index.php/fall-gingold.html

</small><br /><small>

<strong>[19]</strong>&#160;https://germanhistorydocs.ghi-dc.org/docpage.cfm?docpage_id=1504&amp;language=german

</small><br /><small>

<strong>[20]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Radikalenerlass#/media/Datei:KAS-Radikalenerlass-Bild-11706-1.jpg

</small><br /><small>

<strong>[21]</strong>&#160;https://www.spiegel.de/politik/das-ist-politischer-exorzismus-a-7bd467fe-0002-0001-0000-000040616552

</small><br /><small>

<strong>[22]</strong>&#160;http://www.berufsverbote.de/index.php/EuGM.html

</small><br /><small>

<strong>[23]</strong>&#160;https://www.sopos.org/aufsaetze/40322606b3371/1.phtml.html

</small><br /><small>

<strong>[24]</strong>&#160;https://www.rosalux.de/dossiers/der-radikalenbeschluss-wird-50

</small><br /><small>

<strong>[25]</strong>&#160;https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/geschichte-im-ersten/sendung/jagd-auf-verfassungsfeinde-100.html

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<strong>[26]</strong>&#160;mailto:bme@heise.de

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