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"Die Bundesregierung setzt auf veraltete Konzepte"

Originalartikel

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<html> <p><strong>Deutschland soll zum Vorreiter bei der Entwicklung von k&#252;nstlicher Intelligenz werden.&#160;</strong><strong>Ein Experte warnt: Schon der Ansatz der Bundesregierung l&#228;uft in eine falsche Richtung.</strong></p> <p>„Deutschland und Europa m&#252;ssen in Zukunft f&#252;hrender Standort f&#252;r k&#252;nstliche Intelligenz sein“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel <a href=„https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_84778790/angela-merkel-im-interview-ihr-plan-fuer-deutschlands-digitale-zukunft.html“>im November im Exklusiv-Interview mit t-online.de</a>. Kurz darauf legte die Bundesregierung ihren offiziellen Plan vor, wie das gelingen soll.&#160;</p> <p>Der KI-Forscher Florian Gallwitz von der Technischen Hochschule N&#252;rnberg hat <a href=„https://www.bmbf.de/files/Nationale_KI-Strategie.pdf“ rel=„nofollow“ target=„_blank“>das 47 Seiten lange Papier</a> gelesen&#160;&#8211; und ist entsetzt. Im Interview erkl&#228;rt er, warum Deutschland mit dieser Strategie erneut wertvolle Zeit verlieren k&#246;nnte.&#160;<br/></p> <div id=„T-85152206“ class=„Tmm Tww3 Ttsimgslide Tfbl“ data-mm=„mp=slider-emb“> <h6>Foto-Serie mit 15 Bildern</h6> </div> <p><strong>t-online.de: Herr Gallwitz, im November 2018 hat die Bundesregierung ihre Strategie vorgelegt, wie sie Deutschland in Sachen k&#252;nstlicher Intelligenz voranbringen will. Sie haben den Ansatz wiederholt kritisiert. Was st&#246;rt Sie an dem Papier?</strong><br/></p> <p><strong>Gallwitz:</strong> Die sogenannte KI-Forschung hat in den letzten Jahren wahnsinnige Fortschritte gemacht, die unser Leben dramatisch beeinflussen werden. Es ist durchaus sinnvoll, eine Strategie zu entwickeln, wie man damit umgehen will. Dazu sollte man allerdings die Ausgangssituation kennen. Der Begriff k&#252;nstliche Intelligenz hat vor acht bis zehn Jahren einen dramatischen Bedeutungswandel erfahren. Davon scheinen die Leute, die diese Strategie geschrieben haben, aber nichts mitbekommen zu haben.</p> <div id=„T-85095184“ class=„Tmm Tww3 Ttsimgslide Tfbl“ data-mm=„mp=slider-emb“> <h6>Foto-Serie mit 13 Bildern</h6> </div> <p><strong>Woran machen Sie das fest?</strong><br/></p> <p>Schon in der Einleitung f&#228;llt mir auf, was die Bundesregierung offenbar alles unter dem Begriff k&#252;nstliche Intelligenz versteht: Deduktionssysteme, maschinelles Beweisen, Deduktion formaler Aussagen, Expertensysteme, wissensbasierte Systeme. Das sind Konzepte, die zum Teil schon vor 30 Jahren als veraltet galten. Diese sogenannte klassische oder symbolische k&#252;nstliche Intelligenz hat mit den aktuellen Fortschritten &#252;berhaupt nichts zu tun und spielt in der modernen KI-Forschung international praktisch keine Rolle mehr.</p> <p><strong>Welcher Forschungszweig ist nachger&#252;ckt?</strong></p> <p>Wenn heute von k&#252;nstlicher Intelligenz die Rede ist, dann sind damit k&#252;nstliche neuronale Netze und lernende Systeme gemeint. Bei allen, die sich intensiv mit k&#252;nstlicher Intelligenz auseinandersetzen &#8211; Facebook, Google, Apple, Amazon, Microsoft oder Tesla zum Beispiel &#8211; lautet das gro&#223;e Thema derzeit „Deep Learning“. Deep Learning ist der einzige Grund, warum heute &#252;berhaupt wieder &#252;ber k&#252;nstliche Intelligenz geredet wird.</p> <p>In der KI-Strategie der Bundesregierung taucht dieser Begriff aber auf 47 Seiten nicht ein einziges Mal auf. K&#252;nstliche neuronale Netze werden nur dreimal eher am Rande erw&#228;hnt. Wenn das der Kenntnisstand der Bundesregierung ist, haben wir wirklich ein Problem.&#160;</p> <p><strong>Wie erkl&#228;ren Sie sich das? Es gab doch ein Konsultationsverfahren …</strong><br/></p> <p>Wenn man heute nach Experten in dem Bereich sucht, findet man nat&#252;rlich viele, die k&#252;nstliche Intelligenz auf dem Klingelschild stehen haben. H&#228;ufig stammt das aber aus der Zeit, als der Begriff noch eine v&#246;llig andere Bedeutung hatte. Diese Leute befassen sich seit 30 Jahren mit den gleichen Konzepten, die noch nie funktioniert haben und die auch in den n&#228;chsten 50 Jahren nicht funktionieren werden. Die faszinierenden Fortschritte beim maschinellen Lernen haben sie weitgehend verschlafen. Trotzdem geben diese Herrschaften jetzt offenbar in der Strategie der Bundesregierung die Richtung f&#252;r die Zukunft vor. Das ist ein bisschen traurig und paradox.</p> <p><strong>Wen h&#228;tte die Bundesregierung stattdessen fragen sollen?&#160;</strong></p> <p>Es gibt in Deutschland durchaus Leute, die sich mit maschinellem Lernen und neuronalen Netzen auskennen. Bei denen steht aber meist nicht k&#252;nstliche Intelligenz am Klingelschild, sondern zum Beispiel Mustererkennung, interaktive Systeme oder maschinelle &#220;bersetzung. Und die sa&#223;en ganz offensichtlich nicht mit am Tisch, als die Strategie ausgearbeitet wurde.<br/></p> <p>Letztendlich f&#252;hrt das dazu, dass ein Forschungsbereich verst&#228;rkt staatlich gef&#246;rdert wird, der eigentlich gar nicht gebraucht wird, w&#228;hrend die wichtigen Themen auf der Strecke bleiben. Und das nur, weil die Leute, die das Geld verteilen, den Begriff nicht richtig verstanden haben.&#160;</p> <p><strong>Geld ist ein gutes Stichwort. Die Bundesregierung will zun&#228;chst 500 Millionen Euro investieren, um ihre KI-Strategie umzusetzen. <a href=„https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_84784354/bundesregierung-steckt-zusaetzliche-milliarden-in-kuenstliche-intelligenz.html“>Bis 2025 sollen insgesamt drei Milliarden Euro flie&#223;en</a>. Hilft das?</strong><br/></p> <p>Durch Geld allein l&#228;sst sich das Problem nicht l&#246;sen. Die wirklich herausragenden Forscher verdienen in den USA siebenstellige Geh&#228;lter. Das ist weit weg von dem, was in Deutschland an Bezahlung m&#246;glich ist. Die Top-Stars wird man f&#252;r deutsche Universit&#228;ten also nicht gewinnen k&#246;nnen.</p> <p>Wenn Deutschland in dem Bereich vorn sein will, brauchen wir eigene Absolventen, die sich schon im Studium mit Themen wie maschinellem Lernen und neuronalen Netzen besch&#228;ftigt haben. Ich w&#252;rde deshalb versuchen, diese Themen so bald wie m&#246;glich ins Pflichtprogramm m&#246;glichst aller Informatik-Studenten aufzunehmen.</p> <p>Wenn man sich die Entwicklung in China oder den USA ansieht, sind wir sowieso schon sp&#228;t dran. In der KI-Strategie steht zwar drin, dass 100 Professuren geschaffen werden sollen. Das erfordert aber einen gewissen zeitlichen Vorlauf. Man kann sich die Experten f&#252;r neuronale Netze ja nicht backen.</p> <p><img height=„343“ width=„610“ alt=„Florian Gallwitz: Professor f&#252;r Medieninformatik an der Technischen Hochschule N&#252;rnberg. (Quelle: TH N&#252;rnberg)“ src=„https://bilder.t-online.de/b/85/30/87/36/id_85308736/610/tid_da/florian-gallwitz-professor-fuer-medieninformatik-an-der-technischen-hochschule-nuernberg-.jpg“ title=„Florian Gallwitz: Professor f&#252;r Medieninformatik an der Technischen Hochschule N&#252;rnberg. (Quelle: TH N&#252;rnberg)“/>Florian Gallwitz: Professor f&#252;r Medieninformatik an der Technischen Hochschule N&#252;rnberg. (Quelle: TH N&#252;rnberg)<br/></p> <p><em><strong>Florian Gallwitz</strong> ist <strong>Professor f&#252;r Medieninformatik</strong> an der Technischen Hochschule N&#252;rnberg. Seine Schwerpunkte sind die Bildverarbeitung, Spracherkennung und Mustererkennung im Allgemeinen, insbesondere mit Deep-Learning-Verfahren.</em></p> <p><strong>Viele Leute glauben, dass Deutschland bei der Entwicklung von KI-Anwendungen stark im Nachteil ist, da es hier keine datengetriebene Industrie gibt wie in den USA. Brauchen wir ein deutsches Google oder Facebook?</strong></p> <p>Zu glauben, man k&#246;nne sich durch die blo&#223;e Anh&#228;ufung irgendwelcher Daten einen Vorteil bei der Entwicklung von KI verschaffen, ist eine Illusion. Es gibt gen&#252;gend Gegenbeispiele: Die kleine K&#246;lner Firma DeepL zum Beispiel hat sich auf maschinelle &#220;bersetzungen mit Hilfe von k&#252;nstlichen neuronalen Netzen spezialisiert. Alle Experten sind sich einig, dass deren System besser funktioniert als Google Translate.</p> <p>Um eine gute KI-Anwendung entwickeln zu k&#246;nnen, braucht man nicht nur viele Daten, sondern die richtigen. In den meisten F&#228;llen muss man die erst sammeln, damit sie zum konkreten Problem passen. Und das kann jede deutsche Firma genauso gut wie Google.</p> <p><strong>Sie erw&#228;hnten eingangs, dass die KI-Forschung heute nicht mehr die gleiche wie noch vor zehn Jahren ist. Was ist passiert?&#160;</strong></p> <p>Es gibt in der KI-Forschung seit 60 Jahren zwei gegens&#228;tzliche Lager. Die symbolische oder klassische KI verfolgt einen Top-Down-Ansatz. Ziel ist es zum Beispiel, sogenannte Expertensysteme zu entwickeln. Dabei findet kein Lernen statt. Stattdessen sammelt man das Wissen der Welt in Form von Datenbanken und Regeln, kippt alles wie bei dem ber&#252;hmten „N&#252;rnberger Trichter“ in das System hinein und hofft, dass intelligentes Verhalten dabei herauskommt.</p> <p>Schon vor 15 Jahren haben prominente KI-Forscher wie Marvin Minsky einr&#228;umen m&#252;ssen, dass dieses Konzept von KI gescheitert ist. Die Welt ist nun mal unscharf. Die Welt ist widerspr&#252;chlich und mehrdeutig. Das zeigt sich zum Beispiel in der Sprache. F&#252;r die meisten W&#246;rter gibt es keine exakte &#220;bersetzung in eine andere Sprache. Es gibt immer verschiedene &#220;bersetzungsm&#246;glichkeiten und f&#252;r welche man sich entscheidet, hat immer etwas mit dem Kontext zu tun. So ein Problem kriegt man mit Regeln, die man von oben in das System eingibt, nicht in den Griff.</p> <p><strong>Was ist die Alternative?</strong></p> <p>Die genau entgegengesetzte Strategie folgt einem Bottom-up-Ansatz. Die KI-Entwickler versuchen, mithilfe von k&#252;nstlichen neuronalen Netzen das menschliche Gehirn zu simulieren. Man f&#228;ngt bei der Wahrnehmung an und arbeitet sich von dort aus zu den abstrakteren Konzepten wie Objekterkennung und Sprache hoch.</p> <p>Es hat sich gezeigt, dass k&#252;nstliche neuronale Netze wahnsinniges Potenzial haben. Sp&#228;testens seit 2012 stellen solche Systeme f&#252;r eine ganze Reihe von Fragestellungen alle alternativen Ans&#228;tze in den Schatten. In manchen Bereichen &#252;bertreffen sie sogar schon den Menschen. Neuronale Netze haben daf&#252;r gesorgt, dass ein Computer den weltbesten Spieler in „Go“ schlagen kann, Gesichter besser erkennen kann als ein Mensch und&#160;Hautkrebs besser von gutartigen Hautver&#228;nderungen unterscheiden kann als die besten Dermatologen.</p> <p><br/><strong>K&#246;nnte es in Zukunft noch mehr radikale Umbr&#252;che geben?</strong></p> <p>Das erkl&#228;rte Ziel der KI-Forschung lautet seit vielen Jahrzehnten, eine menschen&#228;hnliche KI zu entwickeln. Die meisten, die sich mit dem Thema besch&#228;ftigen, sehen dieses Ziel noch in sehr weiter Ferne. Trotzdem zweifelt keiner daran, dass k&#252;nstliche neuronale Netze oder ein verwandtes Verfahren der richtige Weg dorthin sind. Das menschliche Gehirn funktioniert schlie&#223;lich auch mit Neuronen.<br/></p> <p>Es gibt keinerlei Anlass anzunehmen, dass eine komplett neue Technik um die Ecke kommen k&#246;nnte, die noch besser funktioniert. Es gibt nat&#252;rlich Weiterentwicklungen wie etwa „reinforcement learning“. Dabei handelt es sich aber auch nur um ein neues Lernverfahren f&#252;r k&#252;nstliche neuronale Netze.</p> <p><strong>Vielen Dank f&#252;r das Interview!</strong></p> <p><em><strong>Buchtipp:</strong>&#160;<strong>„Architects of Intelligence. The truth about AI from the people building it“</strong>&#160;von Martin Ford gibt einen &#220;berblick &#252;ber den aktuellen Stand der KI-Forschung.&#160;</em></p> </html>

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