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IT-Systeme der Polizei (2008): Fahndung, Ermittlung, Analyse

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<html> <p class=„printversionback-to-article printversion–hide“><a href=„https://www.heise.de/ct/artikel/IT-Systeme-der-Polizei-Fahndung-Ermittlung-Analyse-301375.html“>zur&#252;ck zum Artikel</a></p><figure class=„printversionlogo“/><h2 class=„printversionuntertitel“/> <p class=„printversionmasterbild“><img src=„https://www.heise.de/ct/artikel/IT-Systeme-der-Polizei-Fahndung-Ermittlung-Analyse-301375.html?view=print“ alt=„“ class=„img-responsive“/></p> <p><strong>W&#228;hrend die &#214;ffentlichkeit &#252;ber Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung diskutiert, r&#252;sten die Strafverfolgungsbeh&#246;rden IT-technisch l&#228;ngst weiter auf. Besonders gefragt sind derzeit intelligente Ermittlungssysteme.</strong></p> <p>Seit Langem schon nutzen Polizeibeh&#246;rden IT-Systeme f&#252;r ihre t&#228;gliche Arbeit. Neuerdings aber verwenden sie verst&#228;rkt Systeme, um Dienststellen und Beh&#246;rden untereinander zu vernetzen. Daf&#252;r sind zwei Arten besonders interessant: Fahndungs- oder Informationssysteme auf der einen und Ermittlungs- oder Analysesysteme auf der anderes Seite. Die einfachere und &#228;ltere Methode sind Fahndungssysteme. Hier werden Datens&#228;tze eingestellt, die man f&#252;r die Fahndung nach Sachen oder Personen ben&#246;tigt, etwa Angaben &#252;ber Zeugen, Kriminelle und Opfer. Beispiele sind das <strong>europaweit eingesetzte[1]</strong> Schengen Informations-System (SIS) und das deutschlandweit genutzte „<strong>INPOL-neu[2]</strong>“. Erste Fahndungssysteme existieren schon seit L&#228;ngerem, die Anfangsversion von INPOL etwa wurde schon im Jahr 1972 vom damaligen BKA-Pr&#228;sidenten Horst Herold eingerichtet. J&#252;nger sind dagegen Ermittlungssysteme, und sie nehmen einen geradezu rasanten Aufschwung. In solchen Systemen wird die gesamte Sachlage eines Falles dargestellt, wozu auch die Verkn&#252;pfung der Informationen geh&#246;rt.</p> <p>Ein bestimmtes Ermittlungssystem wird von einer wachsenden Anzahl von Polizeibeh&#246;rden im In- und Ausland genutzt, allein in Deutschland sind es inzwischen zehn. Ihm liegt die Software rsCASE zugrunde. Diese wurde vom Oberhausener Unternehmen „rola security solutions“ entwickelt. <strong>rola[3]</strong> existiert seit 1983 und hat 85 Mitarbeiter. Im Jahr 2001 programmierte man dort rsCASE, im darauffolgenden Jahr erhielt rola einen Vertrag mit dem LKA Bayern. Dort waren in der zweiten H&#228;lfte der 90er-Jahre mehrere sehr gro&#223;e und komplexe Ermittlungsverfahren gef&#252;hrt worden, und die Polizei suchte nach einer Unterst&#252;tzungssoftware, um T&#228;terstrukturen, Firmengeflechte, Finanzstr&#246;me und gro&#223;e Mengen beschlagnahmter Schriftg&#252;ter zu verwalten. Noch im Jahr 2002 begannen die Bayern mit einer Testversion von rsCASE. Gemeinsam mit rola entwickelten sie das System weiter, und seit 2003 arbeitet das LKA „richtig“ mit dem System. In Bayern hei&#223;t die Software „Ermittlungs- und Analyseunterst&#252;tzendes EDV-System“, kurz: <strong>EASy[4]</strong>, in Rheinland-Pfalz „Kristal“, in Schleswig-Holstein „Merlin“.</p> <p>Mit dieser Software lassen sich Beziehungen zwischen Personen, Informationen und Sachen etwa mit Schaubildern darstellen. Sie beinhaltet ein einheitliches Kerndatensystem und basiert auf einem Datenbanksystem von Oracle, l&#228;uft ab Windows NT und XP und ist kompatibel mit Linux. Die Software hat zwei Haupt-Charakteristika: Erstens handelt es sich bei ihr um ein generisches System, so kann sie wechselnden und wachsenden Bed&#252;rfnissen angepasst werden, im Herbst 2007 kam die vierte Version auf den Markt. Zweitens verf&#252;gt sie &#252;ber zahlreiche einheitlich definierte Schnittstellen. Diese Schnittstellen erlauben Kommunikation und Datenaustausch nicht nur zwischen den einzelnen Anwenderbeh&#246;rden, sondern auch nach drau&#223;en.</p> <p>So ist rsCASE mit Telekommunikationsprovidern verbunden. Wenn ein Richter die &#220;berwachung eines Menschen angeordnet hat, &#252;bermittelt der Provider automatisch nicht nur die Verbindungsdaten, sondern auch die akustischen Daten, also Mitschnitte der Telefonate. Die Polizisten k&#246;nnen diese dann sp&#228;ter abh&#246;ren und protokollieren. Eine weitere Verbindung besteht mit der Bundesnetzagentur, also der ehemaligen Regulierungsbeh&#246;rde f&#252;r Telekommunikation und Post. Dazu geh&#246;rt eine automatische Anschlussinhaberfeststellung.</p> <p>Weil au&#223;erdem die verschiedenen Polizeistationen miteinander vernetzt sind, erlaubt dies eine ganz neue Art der Zusammenarbeit, erkl&#228;rt Kriminalhauptkommissar Peter Burghardt, Pressesprecher beim LKA Bayern: „Wenn zum Beispiel in Hof eine Telefon&#252;berwachung l&#228;uft und eine in Rosenheim, und von beiden Anschl&#252;ssen aus wird dieselbe Nummer angew&#228;hlt, dann bekommen beide Polizeidienststellen eine Treffermeldung und die Beamten k&#246;nnen sich absprechen, ob die Nummer wichtig ist und die F&#228;lle vielleicht miteinander zusammenh&#228;ngen.“</p> <p>Mit der vierten Version erhielt rsCASE im Herbst vergangenen Jahres eine weitere Schnittstelle. Diese verbindet das System mit der <strong>Antiterrordatei[5]</strong> (ATD). So k&#246;nnen Datens&#228;tze von rsCASE zur ATD transportiert werden, erkl&#228;rt rola-Gesch&#228;ftsf&#252;hrer J&#246;rg Kattein. Der Ermittler brauche blo&#223; ein H&#228;kchen an die richtige Stelle zu setzen, dann durchlaufe das Ganze noch eine Qualit&#228;tskontrolle im entsprechenden LKA, am Schluss werde der Datensatz weitergeschickt an die ATD. rola ist nach eigenen Angaben der erste Anbieter, der die ATD automatisch bef&#252;llen k&#246;nne. Eine andere Neuheit sind Text Mining Tools, die Informationen und Zusammenh&#228;nge in gro&#223;en Textmengen finden sollen: „Die Polizei kriegt oft unstrukturierte Informationen“, sagt Kattein, „50.000 Aktenordner, das kann man schlecht durch sequenzielles Lesen abdecken.“</p> <p>W&#228;hrend rola security die erste Fassung von rsCASE f&#252;r die Polizei zusammen mit dem Bayerischen LKA entwickelt hat, melden inzwischen auch die Polizeibeh&#246;rden aus anderen Bundesl&#228;ndern „laufend neue Anforderungen an und wollen ihre Funktionen verbessert haben“, sagt J&#246;rg Kattein. So gebe es die Interessengemeinschaft (IG) Fall und Analyse, eine informelle Arbeitsgruppe, die etwa alle drei Monate eine Sitzung abhalte. Zu diesen w&#252;rden die Polizeibeh&#246;rden der betroffenen Bundesl&#228;nder Vertreter entsenden, bei der letzten Sitzung in der vergangenen Woche seien insgesamt 35 Teilnehmer vor Ort gewesen. In der Bayerischen Projektgruppe zu ESAy arbeiten derzeit acht Beamte mit.</p> <p>Nach Angaben von Kattein nutzen inzwischen 25.000 Menschen rsCASE. rola hat im Herbst 2006 Vertr&#228;ge mit dem Bundeskriminalamt (BKA) und der Bundespolizei unterzeichnet, &#228;ltere Vereinbarungen bestehen mit den L&#228;nderpolizeien von Bayern, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Sachsen und Saarland w&#252;rden, so Kattein, wahrscheinlich bis Ende des Jahres 2008 einen Vertrag &#252;ber rsCASE abschlie&#223;en. Weiterhin wird das System auch von bislang sechs ausl&#228;ndischen Beh&#246;rden genutzt, n&#228;mlich in Luxemburg, der Slowakei und der Schweiz, ferner von der polnischen Grenz- und der bulgarischen Finanzpolizei sowie dem &#246;sterreichischen Verfassungsschutz. Neben Polizeibeh&#246;rden nutzen auch Steuerbeh&#246;rden rsCASE, au&#223;erdem einige private Unternehmen.</p> <p>Diese weite Verbreitung erleichtert die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Beh&#246;rden. Die Software erlaubt nicht mehr nur eine grenz&#252;berschreitende Fahndung wie etwa INPOL oder SIS, sondern auch eine Darstellung grenz&#252;berschreitender Ermittlungen. Das ist praktisch, denn nicht nur die Polizeistationen innerhalb eines Bundeslandes arbeiten zusammen, sondern auch die Polizeibeh&#246;rden der verschiedenen Bundesl&#228;nder. So laufen seit zwei bis drei Jahren l&#228;nder&#252;bergreifende Ermittlungen in gr&#246;&#223;eren Kriminalf&#228;llen, bekanntestes Beispiel ist die „Besondere Aufbau-Organisation Bosporus“ (BAO Bosporus), welche die Serienmorde an t&#252;rkischen Einzelh&#228;ndlern aufkl&#228;ren soll. Die Datensammlung f&#252;r diesen Fall liegt auf einem Server in N&#252;rnberg, wo auch die Hauptermittlungsgruppe sitzt. Auf diesen Server greifen die beteiligten Dienststellen aus Hessen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern &#252;ber sichere Verbindungen zu.</p> <p>Die deutschen Au&#223;engrenzen dagegen sind weniger offen f&#252;r solche Zusammenarbeit: Rein technisch, sagt J&#246;rg Kattein, w&#228;re zwar auch der Datenaustausch von deutschen und ausl&#228;ndischen Polizeibeh&#246;rden m&#246;glich. Aber in der Praxis beschr&#228;nke sich dies auf eine gelegentliche bilaterale Zusammenarbeit, etwa mit &#214;sterreich oder Frankreich. „Ansonsten haben unsere Polizeien noch nicht das Interesse, sich &#252;ber nationale Grenzen hinweg in die Karten schauen zu lassen.“</p> <p>Die gesammelten Datenmengen sind enorm gro&#223; und wachsen immer weiter. Dass man irgendwann den &#220;berblick verlieren k&#246;nnte, f&#252;rchtet die Polizei nicht: „Dazu ist so ein System ja da, dass man den ganzen Datenwust in den Griff bekommt“, hei&#223;t es beim BKA. Wer allerdings den &#220;berblick verlieren k&#246;nnte, sind die B&#252;rger: Eine Frau, deren Mann mit Drogen handelt, wird automatisch mitabgeh&#246;rt, und die Mitschnitte werden in der Datenbank gespeichert. Dort bleiben sie so lange, bis der Fall abgeschlossen ist, die Urteile rechtskr&#228;ftig sind und der Staatsanwalt die L&#246;schung der Mitschnitte veranlasst hat. Das kann Jahre dauern, und dass ihr Gespr&#228;ch gespeichert ist, erf&#228;hrt die Frau nur, wenn sie zuf&#228;llig als Zeugin geladen wird.</p> <hr/><p><strong>URL dieses Artikels:</strong><br/><small>

http://www.heise.de/-301375

</small></p> <p><strong>Links in diesem Artikel:</strong><br/><small>

<strong>[1]</strong>&#160;https://www.heise.de/meldung/Schengen-Informationssystem-liegt-im-Plan-169855.html

</small><br/><small>

<strong>[2]</strong>&#160;https://www.heise.de/meldung/Neustart-fuer-Polizei-Informationssystem-Inpol-Neu-82901.html

</small><br/><small>

<strong>[3]</strong>&#160;http://www.rola.com

</small><br/><small>

<strong>[4]</strong>&#160;https://www.heise.de/meldung/Bayern-jagt-mit-polizeilichem-Google-Verbrecher-150868.html

</small><br/><small>

<strong>[5]</strong>&#160;https://www.heise.de/meldung/Innenminister-wollen-Terror-und-Extremistenabwehr-verbessern-131529.html

</small><br/></p> <p class=„printversion__copyright“><em>Copyright &#169; 2008 Heise Medien</em></p> </html>

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