Qgelm

Keine Fingerabdrücke und DNA-Spuren von Amri im Tat-LKW

Originalartikel

Backup

<html> <p class=„printversionback-to-article printversion–hide“><a href=„https://www.heise.de/tp/features/Keine-Fingerabdruecke-und-DNA-Spuren-von-Amri-im-Tat-LKW-4678366.html“>zur&#252;ck zum Artikel</a></p><figure class=„printversionlogo“><svg preserveaspectratio=„xMinYMin“ xmlns=„http://www.w3.org/2000/svg“ viewbox=„0 0 180 39“ width=„180“ height=„39“><path d=„M17.19.5V4.89H11.32V38.5H6.13V4.89H0V.5ZM36.56.5V4.89H27.75V16.83h7.87v4.38H27.75v12.9h8.81V38.5h-14V.5ZM49.33.5V34.11h8.76V38.5h-14V.5ZM77.27.5V4.89H68.46V16.83h7.87v4.38H68.46v12.9h8.81V38.5h-14V.5Zm8.27,38V.5h6.19c4.44,0,10.11.4,10.11,10.18,0,7.71-3.1,11.29-11.15,11V38.5ZM90.69,4.79v12.6c4.44.3,5.68-2.07,5.68-6.3,0-3.43-1-6.3-5-6.3ZM127,19.5c0,6.85-.1,19.5-10.21,19.5s-10.21-12.65-10.21-19.5S106.69,0,116.8,0,127,12.65,127,19.5Zm-14.89,0c0,8.06.57,14.76,4.69,14.76s4.69-6.7,4.69-14.76-.57-14.76-4.69-14.76S112.11,11.44,112.11,19.5Zm26.6-19V34.11h8.76V38.5h-14V.5Zm18.46,38h-5.22V.5h5.22m20.92,5.84a7.21,7.21,0,0,0-4.4-1.61,4.61,4.61,0,0,0-4.6,4.89,6.05,6.05,0,0,0,1.45,4.13l3.93,4.18c3.52,3.48,5.53,6,5.53,11.14,0,5.34-3.41,9.93-9.15,9.93a9.21,9.21,0,0,1-5.69-1.81V32.1a8.57,8.57,0,0,0,5.12,2c3.21,0,4.55-2.47,4.55-5.29,0-7.56-10.91-9.07-10.91-19,0-5.34,2.9-9.72,8.74-9.72a10.71,10.71,0,0,1,5.48,1.26Z“ fill=„#b42900“/></svg></figure><figure class=„aufmacherbild“><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/tp/imgs/89/2/8/5/8/1/0/0/amri-de292b2f482ec05f.jpeg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/tp/imgs/89/2/8/5/8/1/0/0/amri-de292b2f482ec05f.jpeg 700w, https://heise.cloudimg.io/width/800/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/tp/imgs/89/2/8/5/8/1/0/0/amri-de292b2f482ec05f.jpeg 800w“ sizes=„(min-width: 80em) 43.75em, (min-width: 64em) 66.66vw, 100vw“ alt=„“ class=„img-responsive“/><figcaption class=„akwa-caption“><p class=„caption akwa-captiontext“>Sattelzug, mit dem Anis Amri, den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt ver&#252;bte. <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_den_Berliner_Weihnachtsmarkt_an_der_Ged%C3%A4chtniskirche#/media/File:01_Breitscheidplatz_Berlin_foto_Emilio_Esbardo_anon.jpg“ target=„_blank“ rel=„external noopener“>Bild</a>: Emilio Esbardo / <a href=„https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/“ target=„_blank“ rel=„external noopener“>CC BY-SA 4.0</a></p> </figcaption></figure><p><strong>Der Untersuchungsausschuss im Bundestag entdeckt massive Hinweise auf Manipulationen bei den Anschlagsermittlungen - Landeskriminalamt eng mit islamistischer Szene verwoben</strong></p> <p>Das Ma&#223; der Ungereimtheiten im Terrorkomplex Breitscheidplatz erreicht inzwischen NSU-Niveau. Der Untersuchungsausschuss im Bundestag nahm sich jetzt die Ermittlungen und Polizeima&#223;nahmen nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt vor und entdeckte massive Hinweise auf Manipulationen.</p> <p>Beginnen wir mit der Tat vom 19. Dezember 2016. Polizeihauptkommissar Rainer G., 62 und inzwischen pensioniert, leitete das Infomobil, eine bewegliche Polizeiwache, an der S&#252;dseite der symboltr&#228;chtigen Ged&#228;chtniskirche. Am Nachmittag, sagte Rainer G. jetzt als Zeuge im Untersuchungsausschuss des Bundestags, habe ihm ein Vertreter der Kirchengemeinde berichtet, sie h&#228;tten Hinweise auf einen eventuellen Anschlag auf die Weihnachtsandacht am 24. Dezember erhalten. Konkretisieren konnte das der Kirchenvertreter nicht. Abends fand die gut besuchte mont&#228;gliche Abendspeisung f&#252;r Bed&#252;rftige statt.</p> <p>Gegen 20 Uhr vernahm der Polizeibeamte den lauten Knall, als der Lastwagen auf der anderen Seite der Kirche in die Budengasse raste. Eine Kollege meldete, er habe Sch&#252;sse geh&#246;rt. Es dauerte einige Minuten, bis sich Rainer G. zum Tatfahrzeug durchgearbeitet hatte. Er versuchte, eine &#220;bersicht &#252;ber den Schaden zu bekommen und richtete eine Zeugensammelstelle ein. Die Fahrert&#252;r stand offen. Ein Mann berichtete, der Fahrer sei ausgestiegen, habe sich quer &#252;ber die Stra&#223;e und dann Richtung Bahnhof Zoo bewegt.</p> <p>G. schaute in die Fahrerkabine und entdeckte eine tote Person, die in eine Decke eingeh&#252;llt im Fu&#223;raum lag mit dem Kopf zur Beifahrert&#252;r. Es war der polnische Speditionsfahrer Lukasz Urban, wie sich sp&#228;ter herausstellte. Mit Hilfe von Feuerwehrleuten wurde er geborgen. Durchsucht habe er das F&#252;hrerhaus nicht, so Polizeihauptkommissar (PHK) G. Gesichert oder bewacht wurde es in der Folge nicht.</p> <p>In der ersten Phase, noch ehe sein Wachleiter da war, kam ein Mann auf ihn zu, der sich als Beamter der Kriminalpolizei oder des Landeskriminalamtes vorstellte. Er sei in der N&#228;he gewesen. Ihm benannte der Streifenbeamte die Zeugen. Kurz darauf gesellte sich ein zweiter Beamter dazu, f&#252;r Rainer G. waren beide offensichtlich leitende Beamte. Die Namen kennt er nicht. Sie wiesen ihn dann an, den Toten aus dem Fahrerhaus nach Papieren zu durchsuchen.</p> <p>Dass fr&#252;hzeitig zwei - m&#246;gliche - LKA-Beamte am Anschlagsort waren, war f&#252;r die Abgeordneten eine neue Information. Aus den Unterlagen ergibt sich das nicht. Auch aus den Vernehmungen in den parlamentarischen Untersuchungsaussch&#252;ssen (PUA) sind sie nicht bekannt. &#196;hnliches gilt f&#252;r den Leiter der Polizeidirektion 2, Stefan Weis, der danach am Tatort erschien. Er war damit der rangh&#246;chste Beamte vor Ort und h&#228;tte die Einsatzleitung &#252;bernehmen m&#252;ssen. Doch in den Akten haben die Abgeordneten dazu nichts gefunden.</p> <p>Noch vor der Bergung des toten Fahrers wurde der Auflieger auf Sicherheitsrisiken &#252;berpr&#252;ft. Die Plane wurde aufgeschnitten. Die Ladung bestand aus Stahltr&#228;gern. Eine Gefahrensituation m&#246;glicherweise durch Sprengstoff schloss die Polizei daraufhin aus.</p> <p>Bevor PHK Rainer G. gegen 23 Uhr vom Breitscheidplatz entlassen wurde, gab es noch einen letzten Auftrag. Sie fuhren einen Seelsorger zu jemandem aus dem Betroffenen- oder Opferkreis. Als sie eintrafen, bemerkten sie dort Personenschutz. Es muss sich um eine schutzw&#252;rdige Person gehandelt haben, so der Polizeihauptkommissar.</p> <p>Um 23 Uhr, drei Stunden nach der Tat, erschien der Chef der 7. Mordkommission, Kriminalhauptkommissar Thomas Bordasch, mit seinem Stab am Breitscheidplatz und &#252;bernahm die Leitung der Tatortarbeit. Der LKW war nicht gesichert. Jeder Polizeibeamte h&#228;tte sich ihm n&#228;hern k&#246;nnen, sagte er auf entsprechende Fragen im Bundestagsuntersuchungsausschuss. Mit seiner Ankunft sei das dann nicht mehr m&#246;glich gewesen. Kein Unbefugter habe mehr die Kabine betreten. Er war von Montag, 19. Dezember, 23 Uhr bis Dienstag, 20. Dezember, 23 Uhr ununterbrochen im Dienst und am LKW.</p> <p>Er inspizierte das Fahrzeug auf dem Breitscheidplatz von au&#223;en, betrat es aber nicht, um keine Spuren zu vernichten. Er war es, der die Entscheidung traf, den Sattelschlepper f&#252;r die Spurensicherung abschleppen zu lassen. Die geeignete Halle fand man nach einiger Zeit bei der Bundeswehr in der Julius-Leber-Kaserne nahe des Flughafens Tegel. Dass sich die Spurenlage im LKW durch den Abtransport ver&#228;ndern k&#246;nnte, nahm Bordasch in Kauf. Ihm ging es vor allem um die Sicherung von DNA-Spuren, Fingerabdr&#252;cken, Schmauch-, Faser- oder Geruchsspuren f&#252;r einen Mantrailing-Einsatz (Personensp&#252;rhunde). In einer heizbaren Halle sei diese Arbeit besser m&#246;glich gewesen. Der LKW-Innenraum wurde vorher noch fotografisch dokumentiert.</p> <p>Das Man&#246;ver zog sich hin. Erst gegen 5:45 Uhr am Dienstagmorgen war das Abschleppunternehmen am Breitscheidplatz. Weil die Bremse blockierte, begann der Abtransport im Schritttempo erst kurz vor 11 Uhr. Gegen 14:30 Uhr erreichte man die Kaserne. Da der LKW nicht durch das Tor der Halle passte, musste man den Reifendruck ablassen. Genau um 15:25 Uhr am 20. Dezember habe man mit der Spurensicherung angefangen.</p> <p>Was die Abgeordneten und Zuh&#246;rer nun sp&#228;tabends im Bundestag zu h&#246;ren bekamen, ist atemberaubend.</p> <h3 class=„subheading ztitel“>Keine DNA und Fingerabdr&#252;cke Amris im Fahrzeug</h3> <p>Am und im LKW haben die Mordermittler Fingerabr&#252;cke gesichert und DNA-Spuren aufgenommen. Wie viele das letztlich waren, kann Thomas Bordasch nicht sagen, weil alle Befunde zur Auswertung an den Staatsschutz des Landeskriminalamtes gingen. Die einzige R&#252;ckmeldung, die von dort kam, lautete: Au&#223;en am LKW an der Fahrerseite seien zwei Fingerabdr&#252;cke festgestellt worden, die zum Tatverd&#228;chtigen Amri f&#252;hren. Weitere Fundstellen werden von den Auswertern nicht genannt. Das hei&#223;t: Im LKW gab es offensichtlich keinerlei Fingerprints und DNA Amris. Nicht einmal auf seinem eigenen Portemonnaie und Handy, die im Cockpit lagen.</p> <p>Einen abschlie&#223;enden Bericht &#252;ber den daktyloskopischen Befund kennt Ermittler Bordasch nicht. Eigentlich m&#252;sste es ihn geben. Und auch &#252;ber die letztendliche Auswertung aller Spuren nach Abgabe ans LKA Berlin wei&#223; er nichts. Ein Abschlussbericht hat ihn nie erreicht.</p> <p>Auch eine Liste, welche Personen im F&#252;hrerhaus waren, - au&#223;er dem polnischen Speditionsfahrer beispielsweise Feuerwehrleute, der Polizeibeamte Rainer G. oder auch die Ermittler - erhielt das f&#252;nfk&#246;pfige Tatortteam nicht. Zu welchen Personen die aufgenommenen Fingerprints und DNA-Muster m&#246;glicherweise f&#252;hren und wie viele „unbekannt“ sind, k&#246;nnen sie also nicht sagen. Von Relevanz ist das, weil man die unbekannten Spuren mit bekannten Islamisten abkl&#228;ren m&#252;sste, wie Bilel Ben Ammar, Habib S. oder Soufiane A. aus der Fussilet-Moschee. Ob die zentralen Ermittlungsinstanzen der BAO (Besondere Aufbauorganisation) City, BKA und LKA Berlin, diesen Abgleich vorgenommen haben, wei&#223; man bisher nicht. Indem man sich auf Amri als T&#228;ter festgelegt hat, muss man diesen Abgleich jedoch nicht mehr machen.</p> <p>Ein Befund und ein ermittlungstechnischer Umgang damit, der auff&#228;llig an den NSU-Komplex erinnert. Auch von den beiden mutma&#223;lichen T&#228;tern B&#246;hnhardt und Mundlos existieren an den Tatorten keine Fingerabdr&#252;cke und DNA-Spuren. Abgleiche der Spuren mit dem weiteren NSU-Umfeld wurden keine vorgenommen.</p> <h3 class=„subheading“>Weitere Seltsamkeiten bei Portemonnaie und Handys</h3> <p>Zur&#252;ck zum 20. Dezember 2016: Um exakt 16:45 Uhr fanden die Ermittler Amris Portemonnaie in der LKW-Kabine. Eigentlich muss man sagen: Sie fanden ein Portemonnaie. Und in dem Portemonnaie entdeckten sie eine Duldungsbescheinigung, die auf einen tunesischen Asylbewerber namens „Al Masri“ ausgestellt war - das war Amri und einer seiner Aliasnamen. Dadurch wurde auch das Portemonnaie zu dessen Eigentum. Die Duldungsbescheinigung steckte vor den Geldscheinen. Die Spurensicherer fotografierten sie und schickten das Foto ans LKA. Ab diesem Zeitpunkt soll offiziell festgestanden haben, dass Amri der Attent&#228;ter gewesen sein soll. Das Original wurde von zwei LKA-Leuten abgeholt.</p> <p>Von Amri wurden zwei Handys gefunden. Das eine, ein rotes Klapphandy der Marke Samsung, lag auf dem Boden und war mit Glasstaub bedeckt. Ein Indiz, dass es zur Zeit des Unfalls schon im LKW gewesen sein muss. Beim angeblichen Amri-Portemonnaie ist von Glasstaub allerdings nicht die Rede. Das zweite Handy Marke HTC, mit dem der Attent&#228;ter auf der Fahrt zum Breitscheidplatz mit seinem Mentor des Islamischen Staates (IS) kommuniziert haben soll, fand sich vorne au&#223;en im K&#252;hlergrill des LKW festgeklemmt. Er habe zun&#228;chst gedacht, so Bordasch, es handle sich um das Handy eines Besuchers des Weihnachtsmarktes, das mit gerissen wurde, wie viele andere Dinge, Girlanden, Holzteile, Zinnbecher. Aber wenn es dem Attent&#228;ter-Fahrer geh&#246;rte, wie soll es dann dorthin geraten sein? Das kann er sich bis heute nicht vorstellen. Er hat keinerlei logische Erkl&#228;rung daf&#252;r.</p> <p>Im Armaturenfach lagen ebenfalls ein Portemonnaie und ein Handy, die dem polnischen Fahrer geh&#246;rten. Vor allem der Fund des Handys &#252;berrascht, denn laut Bundesanwaltschaft soll Urbans Mobiltelefon in Sch&#246;neberg auf der Stra&#223;e gefunden worden sein. Der T&#228;ter habe es dort aus dem Fenster geworfen, hei&#223;t es offiziell. Hatte Urban zwei Telefone?</p> <p>Im Fahrerhaus soll dann noch ein Zettel gelegen haben, auf dem handschriftlich „Hardenbergstra&#223;e“ stand. Zielort der t&#246;dlichen LKW-Fahrt in Berlin. Dieser Zettel soll allerdings erst nach Beendigung der Spurensicherung am 22. Dezember entdeckt worden sein, wie aus einer kritischen Nachfrage des BKA hervor geht. Er wisse nicht, wo der Zettel herkam, sagte Chefermittler Bordasch den Abgeordneten, er habe bei seiner Arbeit keinen Zettel gesehen. Interessant ist nun, dass er das als seinen eigenen Fehler ansieht, er m&#252;sse das Asservat schlicht &#252;bersehen haben. Das wiederum ist so etwas wie ein Glaubw&#252;rdigkeitsbeweis f&#252;r die unbestechliche Arbeit des Kriminalisten. Denn der Zettel k&#246;nnte auch f&#252;r eine m&#246;gliche Manipulation stehen, Amri als T&#228;ter zu fixieren, an der Bordasch dann gerade nicht beteiligt gewesen w&#228;re.</p> <p>Die Tatortermittler kopierten alle Ergebnisse ihrer Arbeit auf eine DVD und &#252;bersandten sie an die Abteilung Staatsschutz des LKA Berlin. Im M&#228;rz 2017 meldeten sich BAO City oder LKA wieder bei der Mordkommission: Das Beweismaterial sei verloren gegangen. Bordasch hatte seine Ergebnisse noch, brannte die DVD mit den Daten ein zweites Mal und &#252;bermittelte sie erneut zusammen mit der Bemerkung: „Das LKA 5 muss ein Bermudadreieck sein.“ Hinterher soll sich dort die verloren gegangene DVD wieder in irgendeinem Rechner gefunden haben.</p> <p>Man muss bei diesem Vorgang unwillk&#252;rlich an die Manipulationen der Amri-Akte denken, die im Januar 2017 von mehreren Beamten der Staatsschutzabteilung des LKA vorgenommen wurden und die der Sonderermittler Bruno Jost, ex-Bundesanwalt, aufgedeckt hat. Sie hatten ihre Erkenntnisse &#252;ber Amris Drogenkriminalit&#228;t abgeschw&#228;cht und Komplizen herausgenommen.</p> <p>Wer sa&#223; am Lenkrad des LKWs, mit dem elf Menschen get&#246;tet und viele schwer verletzt wurden? Wenn es Amri war, warum finden sich seine Fingerabdr&#252;cke au&#223;en an der LKW-T&#252;r, aber nirgendwo drinnen? Wenn er, wie es die Bundesanwaltschaft darstellt, seine pers&#246;nlichen Gegenst&#228;nde - Handys, Portemonnaie - im LKW absichtlich zur&#252;ckgelassen habe, weil er sich damit als T&#228;ter bekannte, warum finden sich dann nicht auch seine Fingerabdr&#252;cke auf dem Lenkrad? Haben sich &#252;berhaupt welche gefunden und wenn ja, zu wem geh&#246;ren sie?</p> <p>Insgesamt ein Befund, der zu Reaktionen f&#252;hren m&#252;sste. Wenn nicht auf Seiten der Polizei, dann auf Seiten der Politik.</p> <p>Dass es sich bei der LKW-Fahrt nicht um einen Unfall handelte, sondern um einen Anschlag, war der Polizei schnell klar. Fast genauso schnell ging sie davon aus, dass der oder die T&#228;ter im islamistisch-dschihadistischen Milieu zu suchen sind. Gegen 23 Uhr wurde die sogenannte „Ma&#223;nahme 300“ ausgel&#246;st, mit der unter anderem Verbleibkontrollen bei Wohnungen und Moscheen durchzuf&#252;hren waren. Und bereits um 7 Uhr am Morgen des 20. Dezember, lange bevor Mordermittler Thomas Bordasch Amris Utensilien im und am LKW fand, wurde der im internen Polizeiauskunftssystem (Polas) zur Festnahme ausgeschrieben.</p> <h3 class=„subheading“>Polizisten und Salafisten, die sich gut kennen</h3> <p>Einer der wichtigsten dschihadistischen Treffpunkte war die Fussilet-Moschee in der Perleberger Stra&#223;e in Berlin-Moabit, die nach dem Anschlag geschlossen wurde. Auch Amri und Ben Ammar verkehrten regelm&#228;&#223;ig dort. Amri soll sich noch eine Stunde vor der Tat in den R&#228;umen aufgehalten haben. Die Bundesanwaltschaft spekuliert heute, er habe unter Umst&#228;nden dort die Tatpistole geholt.</p> <p>Die Fussilet-Moschee und ihr Personal sind ein eigenes Mysterium in der Geschichte. Dazu geh&#246;rt, dass sich genau gegen&#252;ber, nur wenige Meter entfernt, eine gro&#223;e Polizeiwache befindet: der Polizeiabschnitt 33 der Direktion 3. Au&#223;er der regul&#228;ren Kontrollkamera der Polizei waren dort noch &#220;berwachungskameras des LKA und des Landesamtes f&#252;r Verfassungsschutz (LfV) angebracht. Au&#223;erdem bewegten sich in dem &#252;berschaubaren Kreis von etwa 50 Moschee-Mitgliedern mindestens drei Informanten von LKA, LfV und Bundesamt f&#252;r Verfassungsschutz. Eine der gef&#228;hrlichsten Anlaufstellen der nominellen Islamistenszene war rund um die Uhr unter Beobachtung der Sicherheitsorgane.</p> <p>Den &#220;berwachungskameras ist es zu verdanken, dass man nachsehen kann, was sich in der Tatnacht vor der Fussilet-Moschee abspielte. Und das liefert gleichfalls bemerkenswerte Erkenntnisse, vor allem &#252;ber die offensichtliche Verwebung der Polizei mit der Szene.</p> <p>Die Abgeordneten haben sich die Aufzeichnungen der Nacht angesehen und befragten jetzt drei Beamte von insgesamt sechs oder sieben, die in Mobilen Einsatzkommandos (MEK) des LKA vor Ort waren. Man erfuhr nur ihre Initialen: T.A., Y.K., R.D., zwei waren zus&#228;tzlich mit Per&#252;cke und aufgeklebtem Bart verkleidet. Die Abgeordneten haben ausgerechnet von jenem Einsatz, der dem letzten Aufenthaltsort des angeblichen Attent&#228;ters galt, keinen Bericht gefunden.</p> <p>Obwohl sich also gegen&#252;ber der Moschee eine Polizeiwache befindet, erschien um 1:07 Uhr ein Streifenwagen mit drei MEK-Beamten. Mit gezogener Dienstwaffe und Maschinenpistole begaben sich zwei in das Geb&#228;ude. Vier Minuten sp&#228;ter kamen sie wieder heraus und fuhren weiter. Sie seien auf den Hinterhof gewesen, um zu schauen, ob jemand in der Moschee ist, so der Zeuge T.A., h&#228;tten aber nichts bemerkt. Tats&#228;chlich muss mindestens eine Person dagewesen sein, wie sich sp&#228;ter herausstellen sollte.</p> <p>Ab 5:21 Uhr erfasste die &#220;berwachungskamera weitere Bewegung vor dem Eingang zur Moschee, die in einem normalen Wohnhaus liegt. Der n&#228;chste Polizeieinsatz. Ein Beamter hielt sich l&#228;ngere Zeit im Haus auf. Wozu, ist unklar. Eine Stunde sp&#228;ter um 6:26 Uhr ging eine vermummte Person in die Moschee hinein. Weitere Beamte kamen. Eine Gruppe von sechs Personen stand redend vor dem Eingang, als ein anderer Mann herauskam, 7:34 Uhr. Zwei Polizisten sprachen ihn an und redeten dann 25 Minuten lang mit ihm, bis 7:59 Uhr. Der Mann, der vom &#228;u&#223;eren Erscheinungsbild zum Moscheeklientel passte, ging mit zwei Beamten weg. Ein paar Minuten sp&#228;ter kam ein wei&#223;er Polizeitransporter in die Perleberger Stra&#223;e. Um 8:33 Uhr kehrte der Mann aus der Moschee mit den beiden Beamten zur&#252;ck. Einer von ihnen schien auf einem Klappbrett etwas aufzuschreiben. Sie verabschiedeten sich mit Handschlag.</p> <p>Im Verlauf der Ausschusssitzung wird der Mann aus der Moschee als Rostam A. identifiziert. Und einer der LKA-Beamten, der mit ihm eine geschlagene Stunde geredet haben muss, ist der anwesende Zeuge R.D. Er habe Rostam A. gefragt, wie er sich grunds&#228;tzlich zu dem Anschlag &#228;u&#223;ere, was der aber nicht getan habe. Er habe nur Belangloses erz&#228;hlt, &#252;ber seine Pornosucht beispielsweise, nichts, was relevant gewesen w&#228;re.</p> <p>Polizeioberkommissar R.D. kennt Rostam A. seit l&#228;ngerem, ein bekannter Salafist, der an der Koran-Lies!-Verteilaktion beteiligt war. Sie duzen sich. Zu Amri oder Ben Ammar will er nicht so ein gutes Verh&#228;ltnis gehabt haben wie zu Rostam. Ob Rostam A. Amri kannte, konnte er nicht beantworten. Tats&#228;chlich kannten sich die beiden.</p> <p>MEK-Streifen, die jeden zweiten Tag an einschl&#228;gigen Moscheen vorbeigeschaut haben, Polizisten und Salafisten, die sich gut kennen, miteinander reden, freundlich miteinander umgehen, sich duzen und die H&#228;nde sch&#252;tteln. Und zugleich das Klientel, aus dem Terroristen kommen sollen? Der Umgang erinnert eher an einen mit Informanten oder Quellen. Doch das verneinte der Polizeizeuge und meinte, es handelte sich nicht um Informanten, sondern um „Zeugen, die bestimmte Dinge sagen“.</p> <p>Handelt es sich vielleicht um eine besondere Konstruktion: Polizeiinformanten, die nur nicht Informanten genannt werden? Das w&#252;rde den Polizisten den Umgang mit ihnen erleichtern, weil sie nicht vorher aus der Beh&#246;rdenhierarchie die Erlaubnis dazu bekommen m&#252;ssten. Es w&#228;re aber eine Art Parallelstruktur, wenn auch nicht die einzige.</p> <h3 class=„subheading ztitel“>Was interessiert die Berliner Polizei an der Aufkl&#228;rung im Bundestag?</h3> <p>Mit einem dieser - inoffiziellen - islamistischen Informanten f&#252;hrte der LKA-Beamte Y.K. mehrere Treffen durch: Hadi A., ebenfalls ehemaliger Fussilet-Moscheeg&#228;nger, der sich unter anderem zu Anis Amri &#228;u&#223;erte. Von einem &#252;ber dreist&#252;ndigen Treffen am 3. Januar 2018 notierte der LKA-Mann folgende Aussage von Hadi A.: Bilel Ben Ammar wegzuschicken und nicht einzusperren, sei der gr&#246;&#223;te Fehler gewesen. Ben Ammar war, obwohl Mittatverd&#228;chtiger, am 1. Februar 2017 nach Tunesien abgeschoben worden. Warum die Er&#246;rterung dieser Personalie ein Jahr nach Ben Ammars Abschiebung? Der Zeuge blieb diese Antwort schuldig.</p> <p>Dass Vertreter der Polizei verkleidet mit Per&#252;cke und angeklebtem Bart vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen, ist ein Novum. Das kannte man bisher nur von Zeugen des Verfassungsschutzes. Dazu passt, dass sich auf der gut besuchten Zuschauertrib&#252;ne ein weiterer LKA-Mann inkognito aufhielt, ausgestattet mit einem normalen Besucherausweis. Als Journalisten das herausfanden und ihnen fragten, warum er da sei, antwortete er, er m&#252;sse nicht sagen, welchen Auftrag er habe. Der st&#228;ndig anwesende Vertreter der Innenverwaltung von Berlin hatte keine Ahnung von dem LKA-Besucher. Was interessiert die Berliner Polizei an der Aufkl&#228;rung im Bundestag?</p> <hr/><p><strong>URL dieses Artikels:</strong><br/><small><code>https://www.heise.de/-4678366</code></small></p> <p class=„printversioncopyright“><em>Copyright &#169; 2020 Heise Medien</em></p> </html>

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information