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Missing Link: Joe Weizenbaum und die vergifteten Früchte des Wahnsinns

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<html> <header class=„article-header“><h1 class=„articleheading“>Missing Link: Joe Weizenbaum und die vergifteten Fr&#252;chte des Wahnsinns</h1><div class=„publish-info“> Detlef Borchers</div></header><figure class=„aufmacherbild“><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0008-a8a0e2b6bfcd9429.jpeg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0008-a8a0e2b6bfcd9429.jpeg 700w, https://heise.cloudimg.io/width/1050/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0008-a8a0e2b6bfcd9429.jpeg 1050w, https://heise.cloudimg.io/width/1500/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0008-a8a0e2b6bfcd9429.jpeg 1500w, https://heise.cloudimg.io/width/2300/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0008-a8a0e2b6bfcd9429.jpeg 2300w“ alt=„“ class=„img-responsive“ referrerpolicy=„no-referrer“ /><figcaption class=„akwa-caption“>Joseph Weizenbaum &#8211; vor 100 Jahren in Berlin geboren(Bild:&#160;Detlef Borchers)</figcaption></figure><p><strong>Er gilt als Pionier der kritischen Informatik, die das Denken nicht den Computern &#252;berlassen will. Joseph Weizenbaum ist vor 100 Jahren in Berlin geboren.</strong></p><p>Heute vor 100 Jahren wurde Joseph Weizenbaum in Berlin geboren. Mit seinen B&#252;chern und Aufs&#228;tzen gilt er als Pionier der kritischen Informatik, die das Denken nicht den Computern &#252;berlassen will. Mit seinem Programm ELIZA deckte er auf, wie schnell Computer vermenschlicht werden. Als Professor f&#252;r Computer Science am MIT besch&#228;ftigte er sich mit der „Macht der Computer und der Ohnmacht der Vernunft.“ Unter dem Titel „Computer Power and Human Reason. From Judgement to Calculation“ erschien 1976 sein Hauptwerk, in dem er sich kritisch mit der k&#252;nstlichen Intelligenz, mit Hackern (zwanghaften Programmierern) und der Idee des Menschen als informationsverabeitendes System auseinandersetzte.</p><div class=„a-boxtarget a-boxcontent a-inline-textboxcontent a-inline-textboxcontent–horizontal-layout“ data-collapse-target=„“><figure class=„a-inline-textboximage-container“><img alt=„“ src=„https://heise.cloudimg.io/width/210/q50.png-lossy-50.webp-lossy-50.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/2/1/3/9/8/8/1/MissingLink-5014ce8c801500e5.jpg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/420/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/2/1/3/9/8/8/1/MissingLink-5014ce8c801500e5.jpg 2x“ class=„c1“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></figure><div class=„a-inline-textboxcontent-container“><p class=„a-inline-textboxsynopsis“>Was fehlt: In der rapiden Technikwelt h&#228;ufig die Zeit, die vielen News und Hintergr&#252;nde neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischent&#246;ne h&#246;rbar machen.</p><ul class=„a-u-list“><li><a class=„a-inline-textboxtext“ href=„https://www.heise.de/thema/Missing-Link“ title=„Mehr zum Feuilleton“><strong>Mehr zum Feuilleton „Missing Link“ [1]</strong></a></li></ul></div></div><p>W&#228;hrend Weizenbaum an seiner Wirkungsst&#228;tte in den USA eher vergessen ist, wird sein Verm&#228;chtnis in Deutschland gepflegt. Es gibt den Weizenbaum-Preis des von ihm mit gegr&#252;ndeten „Forum InformatikerInnen f&#252;r Frieden und gesellschaftliche Verantwortung“ (FIfF), der zuletzt an Julian Assange verliehen wurde, es gibt das Weizenbaum-Institut in Berlin, das die Wechselwirkung von Computern und Gesellschaft untersucht.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_joe_weizenbaum_0“>Joe Weizenbaum</h3><p>Joe Weizenbaum wurde am 8. Januar 1923 als zweiter Sohn des K&#252;rschnermeisters <a href=„https://oldfamilystories.com/2012/05/tombstone-tuesday-harry-weizenbaum-machpelah-cemetery-detroit-michigan/“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Jechiel (Harry) Weizenbaum und der Pelzverk&#228;uferin Henriette Weizenbaum [2]</strong></a> in Berlin geboren. Die Familie war wohlhabend. Joseph und sein Bruder Heinrich (Henry Sherwood) wurden durchweg von Kinderm&#228;dchen erzogen. 1936 musste die Familie emigrieren, weil der Vater eine Aff&#228;re mit einem Kinderm&#228;dchen hatte, was nach den Rassegesetzen verboten war. Die Familie emigrierte in die USA, wo Weizenbaum erst Mathematik studierte und sich fr&#252;hzeitig an der Wayne University Detroit mit dem Bau von Computern besch&#228;ftigte. Sein „Lehrvater“ war Harry Douglas Huskey, der den Standards Western Automatic Computer (SWAC) konstruierte, der zeitweilig der schnellste Computer der Welt war.</p><p>1950 war Weizenbaum an der Konstruktion eines Computers beteiligt, der f&#252;r den Test von Raketen-Waffensystemen der U.S. Navy bestimmt war. „Der Computer geh&#246;rte der Marine und stand auf einem Vorfeld der Marine. Zweck des Vorhabens war, Raketen abzuschie&#223;en und zu testen. Ich machte Berechnungen, die mit der Pr&#252;fung dieser Waffen zu tun hatten, und war mir der moralischen Dimension meiner Arbeit nicht bewusst.“</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_erma_das1“>ERMA &#8211; das erste Computer-Banksystem seiner Zeit</h3><p>Erst die B&#252;rgerrechtsbewegung, der Vietnamkrieg und die Rolle des MIT in der Waffenentwicklung weckten den Widerspruchsgeist von Weizenbaum. Zun&#228;chst arbeitete er jedoch bei der bei Bendix Aviation und General Electric, wo Weizenbaum von 1955 bis 1963 ERMA entwickelte, das erste Computer-Banksystem seiner Zeit. 1963 erhielt er einen Ruf an das Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er als Associate Professor f&#252;r Applied Science und Political Science anfing.</p><p>1970 wurde er zum ordentlichen Professor f&#252;r Computer Science berufen, als sich die junge Wissenschaft der Computer Science (in Deutschland Informatik) zu etablieren begann. Bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1985 besch&#228;ftigte sich Weizenbaum mit Programmiertechniken; wissenschaftliche Meriten erwarb er sich mit Studien zu einem Symmetric List Processor (SLIP) oder mit Forschungen zu Referenzz&#228;hlern (Knotted list structures and garbage collection schemes). Mit dieser Leistung wird Weizenbaum in der „Geschichte der Informatik“ von Friedrich L. Bauer erw&#228;hnt.</p><h3 class=„subheading“ id=„naveliza2“>„Eliza &#8211; incredibly simple und missverstanden“</h3><p>Einem breiten Publikum wurde Weizenbaum durch die Programmierung von <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/ELIZA“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Eliza [3]</strong></a> bekannt, einem rudiment&#228;ren Dialogsystem auf Basis des List Processors, das er unter dem Titel „A Computer Program for the Study of Natural Language Communication Between Man and Machine“ der Fachwelt vorstellte. Weizenbaum machte eines Tages die Entdeckung, dass selbst seine Sekret&#228;rin, die doch sein Programmierprojekt kannte, sich mit dem Computer unterhielt und Weizenbaum bat, das Zimmer zu verlassen, weil sie Intimes mit dem Rechner besprechen wollte.</p><p>„Eliza ist als Programm incredibly simple, wirklich, hat aber im Herzen einen Punkt getroffen, das macht es bisschen kompliziert, nicht der einfache Code. Eliza wurde missverstanden, als intelligentes System, das aber ist ein Fehler, der genau in unsere Zeit passt“, so Weizenbaum zu seinem 80. Geburtstag. Das Blumenm&#228;dchen Eliza Doolittle aus Shaws „Pygmalion“ ist die Namensgeberin. Sie wird von einem Linguisten in der Sprache der Oberschicht trainiert und ist dann die Oberschicht.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_ein3“>Ein Computersystem als therapeutisches Werkzeug</h3><p>Eliza ist ein einfaches Programm, das auf eine kleine Anzahl von Schl&#252;sselw&#246;rtern reagiert, die in den meisten Gespr&#228;chen vorkommen. So reagiert es auf „my“ (im Deutschen auf meine/meines/meiner):Mensch: Ich habe Probleme mit meiner Schwester.Eliza: Erz&#228;hle mir mehr von deiner Schwester.Ein weiteres Schl&#252;sselwort ist „Computer“. Sobald es auftaucht, fragt Eliza stets, ob Computer den Menschen beunruhigen. Au&#223;erdem kennt Eliza eine einfache Art der Verzweigung: Wenn sich der Mensch mit dem Wort „my“ auf etwas anderes als ein Familienmitglied bezieht, speichert Eliza die Wortfolge nach „mein“ und vertauscht die Personal- und Possessivpronomina der ersten mit denen der zweiten Person.</p><p>So kommt ein „Gespr&#228;ch“ zustande, das Fachleute eine „nichtdirektive Gespr&#228;chsf&#252;hrung“ nennen &#8211; der „Psychologe“ fragt immer wieder nach. Begeistert schrieb der Psychoanalytiker Kenneth Mark Colby 1966: „Wenn sich die (Eliza-)Methode bew&#228;hren sollte, so h&#228;tten wir damit ein therapeutisches Werkzeug, das man all den Nervenkliniken und psychiatrischen Zentren an die Hand geben k&#246;nnte, die &#252;ber zu wenig Therapeuten verf&#252;gen… in einer Stunde k&#246;nnen mehrere hundert Patienten von einem Computersystem behandelt werden.“</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_vom4“>Vom Computerwissenschaftler zum Computerkritiker</h3><p>In der Folgezeit entwickelte sich Joseph Weizenbaum vom Computerwissenschaftler zum Computerkritiker und folgerichtig zum Kritiker einer Gesellschaft, die Computer produziert und die Berechnungen der Maschinen kritiklos akzeptiert. Der fulminante Einstieg in das Leben eines Computerkritikers l&#228;sst sich auf den Januar 1972 datieren, als in der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ Weizenbaums gro&#223;er Aufsatz „Albtraum Computer“ erschien, eine Abrechnung mit der Computertechnik generell, der KI-Forschung speziell und besonders dem Mythos vom fehlerfreien Programmieren.</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><img alt=„“ class=„legacy-img“ height=„494“ src=„https://heise.cloudimg.io/width/696/q85.png-lossy-85.webp-lossy-85.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaum1-f567c0be683782f7.jpg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/336/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaum1-f567c0be683782f7.jpg 336w, https://heise.cloudimg.io/width/1008/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaum1-f567c0be683782f7.jpg 1008w, https://heise.cloudimg.io/width/1392/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaum1-f567c0be683782f7.jpg 2x“ width=„696“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></div></figure><p>Der Artikel war das Kondensat seines Vortrags zur Gr&#252;ndung des Instituts f&#252;r Informatik an der Universit&#228;t Hamburg. Weizenbaum erkl&#228;rte das Problem so: „Der meiste Schaden, den der Computer potenziell zur Folge haben k&#246;nnte, h&#228;ngt weniger davon ab, was der Computer tats&#228;chlich kann oder nicht kann, als vielmehr von den Eigenschaften, die das Publikum dem Computer zuschreibt. Der Nichtfachmann hat &#252;berhaupt keine andere Wahl, als dem Computer die Eigenschaften zuzuordnen, die durch die von der Presse verst&#228;rkte Propaganda der Computergemeinschaft zu ihm dringen. Daher hat der Informatiker die enorme Verantwortung, in seinen Anspr&#252;chen bescheiden zu sein.“</p><h3 class=„subheading“ id=„navdie_macht_der5“>„Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“</h3><h3 class=„subheading“><img alt=„“ class=„legacy-img“ height=„203“ src=„https://heise.cloudimg.io/width/258/q85.png-lossy-85.webp-lossy-85.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaumbuch-bea2eff389a89141.png“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/336/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaumbuch-bea2eff389a89141.png 336w, https://heise.cloudimg.io/width/1008/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaumbuch-bea2eff389a89141.png 1008w, https://heise.cloudimg.io/width/516/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/Weizenbaumbuch-bea2eff389a89141.png 2x“ width=„258“ referrerpolicy=„no-referrer“ /><figcaption class=„a-caption“>Unterschiedliche Cover seines einzigen Buches</figcaption>Nachdem er f&#252;r zwei Jahre von Forschung und Lehre freigestellt war, entstand 1976 das Hauptwerk von Joseph Weizenbaum, <a href=„https://archive.org/details/computerpowerhum0000weiz_v0i3“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Computer Power and Human Reason [4]</strong></a>, das auf Deutsch unter dem Titel „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ erschien. In diesem Buch finden sich viele Momente, die sp&#228;ter Allgemeingut geworden sind, etwa die Beschreibung der Programmierer-Kultur, die f&#252;r Au&#223;enstehende etwas leicht Irrsinniges hat oder die Kritik an den Versprechungen der K&#252;nstlichen Intelligenz.Sein Anliegen formulierte Weizenbaum so: „Ohne Frage hat die Einf&#252;hrung des Computers in unsere bereits hochtechnisierte Gesellschaft, wie ich zu zeigen versuche, lediglich die fr&#252;heren Zw&#228;nge verst&#228;rkt und erweitert, die den Menschen zu einer immer rationalistischeren Auffassung seiner Gesellschaft und zu einem immer mechanistischeren Bild von sich selbst getrieben haben.“ Ideengeschichtlich war Weizenbaum stark von Lewis Mumford und seinem Buch vom <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Mythos_der_Maschine“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Mythos der Maschine [5]</strong></a> beeinflusst.Computer &#8211; zentrale Maschine des Informationszeitalters</h3><p>Mumford begleitete die Entstehung von Weizenbaums Buch mit <a href=„https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/03080188.2020.1840218“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Rat und Tat [6]</strong></a> und war laut Weizenbaum der einzige, der das komplette Werk vor dem Druck gelesen hatte. Mumford hatte in <a href=„https://monoskop.org/images/f/fa/Mumford_Lewis_Technics_and_Civilization.pdf“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Technik und Zivilisation [7]</strong></a> (fotografisches PDF) die Erfindung der mechanischen Uhr als die „entscheidende Maschine des Industriezeitalters“ bestimmt. Analog dazu wurde f&#252;r Weizenbaum der Computer zur zentralen Maschine des Informationszeitalters. Sein Buch beginnt mit l&#228;ngeren Zitaten von Mumford zur Rolle der Uhr, dann schrieb er: „Uhren sind im wesentlichen Modelle des Planetensystems. Sie sind die ersten autonomen Maschinen, die der Mensch gebaut hat, und bis zum Aufkommen des Computers sind sie auch die einzigen, die wirklich von Bedeutung waren.“</p><p>&#196;hnlich wie mit den Uhren die Uhrzeit zur inneren Natur der Menschen wurde, wirken sich auch Computer auf die Psyche des Menschen aus. Programmierer, die nicht vom Computer loskommen, werden nach Weizenbaum Zwangsprogrammierer, mitunter von ihm auch als Hacker bezeichnet. „Es muss gesagt werden, dass nicht alle Hacker pathologische Zwangsprogrammierer sind. In der Tat, g&#228;be es nicht die &#8211; nach ihren eigenen Worten &#8211; h&#246;chst kreative Arbeit von Leuten, die den stolzen Titel 'Hacker' f&#252;r sich beanspruchen, so h&#228;tten wir heute kaum die modernsten Simultanrechner, elektronische &#220;bersetzer, Zeichner etc.“</p><h3 class=„subheading“ id=„navk&#252;nstliche7“>„K&#252;nstliche Neurosen“</h3><p>&#220;ber weite Strecken hinweg besch&#228;ftigte sich Weizenbaum in dem Buch mit der K&#252;nstlichen Intelligenz, wie sie seinerzeit von den Wissenschaftlern definiert wurde, die an einem mehrw&#246;chigen Workshop am <a href=„https://www.heise.de/meldung/50-Jahre-Kuenstliche-Intelligenz-141200.html“><strong>Dartmouth College [8]</strong></a> teilnahmen. Unter dem Titel „K&#252;nstliche Neurosen“ berichtete die Philosophin Margaret Boden &#252;ber den Workshop: „Freud hat gezeigt, dass der Mensch neurotisch programmierbar ist, jetzt m&#252;ssen nur noch die Computer die entsprechenden Programme haben, um sich mit dem Menschen verst&#228;ndigen zu k&#246;nnen.“ Diese Einsch&#228;tzung war es, die Weizenbaum als Unvernunft bek&#228;mpfen wollte.</p><p>Sein Buch wurde von den Vertretern der harten KI entsprechend kritisiert. „Das unvern&#252;nftige Buch ist genauso wirr und schlecht wie Eliza, es ist an der Zeit, festzuhalten, dass der Computer eine unschuldige Maschine ist“, donnerte <a href=„https://www.heise.de/meldung/Requiescat-in-pace-Zum-Tod-von-John-McCarthy-1366069.html“><strong>John McCarthy [9]</strong></a> 1976 in der „Creative Computing“. Die geharnischte Kritik „erschien zuerst als &#246;ffentliche Datei in dem ARPA net“, so die Herausgeber der Zeitschrift in einer Fu&#223;note. Gut m&#246;glich, dass der Aufsatz von McCarthy die erste Buchkritik im Internet darstellte. Ein anderer Kritker, der MIT-Informatiker Michael Dertouzos stritt sich mit Weizenbaum <a href=„https://www.youtube.com/watch?v=K-O0O3pxveY“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>im Fernsehen [10]</strong></a>.</p><h3 class=„subheading“ id=„navgrabenk&#228;mpfer8“>„Grabenk&#228;mpfer gegen den Imperialismus der instrumentellen Vernunft“</h3><p>Auch nach seiner Emeritierung im Jahre 1988 blieb Weizenbaum seinem Thema treu und bereiste vor allem Europa als „Grabenk&#228;mpfer gegen den Imperialismus der instrumentellen Vernunft“, wie er es einmal formulierte. Nach dem Fall der Mauer zog Weizenbaum aus den USA in seine Geburtsstadt Berlin um. Mit dem Internet oder dem von ihm so genannten World-Wide-Net fand er eine weitere Best&#228;tigung seiner Gedanken, was Menschen da verwechseln. Das Netz ist nicht schlau, aber auch in einem Misthaufen kann man gelegentlich Perlen finden, wenn man wei&#223;, wie eine Suche funktioniert.</p><p>Ausgef&#252;hrt findet sich das in einem <a href=„https://web.archive.org/web/20060312085133/http://www.sommeruni.uni-osnabrueck.de/programm.htm“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Vortrag [11]</strong></a>, den Weizenbaum 1996 an der Sommeruniversit&#228;t Osnabr&#252;ck zum Thema „Datenautobahnen, die Informationsgesellschaft und die Arbeitswelt der Zukunft“ hielt. „Es ist sehr wichtig zu wissen, dass der Computer oder das Netzwerk und diese ganze Maschinerie, in dem die Elektronen oder Lichtsignale so rumsausen, sich nicht um das, was ich unter Informationen verstehe, k&#252;mmert. Die k&#252;mmern sich, wenn &#252;berhaupt, die k&#252;mmern sich um Daten, die sie rumschieben m&#252;ssen. Das System selber wei&#223; nicht, um was es dabei geht. Erst der Mensch interpretiert die Daten und Fakten und zieht daraus seine Folgerungen.“</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><img alt=„“ class=„legacy-img“ height=„463“ src=„https://heise.cloudimg.io/width/696/q85.png-lossy-85.webp-lossy-85.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0004-13570088fa8c9849.JPG“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/336/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0004-13570088fa8c9849.JPG 336w, https://heise.cloudimg.io/width/1008/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0004-13570088fa8c9849.JPG 1008w, https://heise.cloudimg.io/width/1392/q70.png-lossy-70.webp-lossy-70.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/6/7/4/9/2/9/PICT0004-13570088fa8c9849.JPG 2x“ width=„696“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></div><figcaption class=„a-caption“>Joe Weizenbaum auf einer Veranstaltung auf der Sommeruniversi&#228;t Osnabr&#252;ck, September 1996(Bild:&#160;Detlef Borchers)</figcaption></figure><h3 class=„subheading“ id=„nav_gedanken_&#252;ber9“>Gedanken &#252;ber die Zukunft</h3><p>In zahllosen Vortr&#228;gen, die er vor allem in Deutschland hielt, zeigte sich Weizenbaum als Gesellschaftskritiker auch abseits der Informationstechnologie. „Nehmen wir das Beispiel Umweltverschmutzung. Da ist absolut nicht der Fall, dass wir nicht w&#252;ssten, was wir tun m&#252;ssten. Wir wissen es ganz genau. Aber ob wir den Willen haben, uns politisch so zu organisieren, dass sich tats&#228;chlich etwas &#228;ndert, ist eine andere Frage.“</p><p>Nach der Jahrhundertwende dachte er verst&#228;rkt dar&#252;ber nach, wie die Zukunft aussehen k&#246;nnte. „Die dringendste Aufgabe, die wir im neuen Jahrhundert beantworten m&#252;ssen, ist, welches Menschenbild mit seiner grundlegenden Metaphorik unser Denken, Empfinden, unsere Sch&#246;pfung usw. in der nahen und fernen Zukunft formen wird. Zwei wissenschaftliche Str&#246;mungen des Denkens und Handelns werden nach meiner Auffassung die Antwort bestimmen: Generell die Weiterentwicklung von Computern sowie die Entwicklung der Biologie, speziell der Gentechnik. Diese zwei Str&#246;mungen haben bereits mit der Verschmelzung begonnen und sie werden weiter zusammenwachsen, so wie zum Beispiel Rechner und Kommunikation es schon gemacht haben.“</p><h3 class=„subheading“ id=„navnew_eliza10“>„New Eliza“</h3><p>Sein letztes Programm entwickelte Weizenbaum im Jahre 2006 und nannte es „New Eliza“. Es war der Versuch, mittels Skype und einem digitalen Anrufbeantworter einen „simulierten Joe“ f&#252;r Diskussionen &#252;ber k&#252;nstliche Intelligenz zur Verf&#252;gung zu stellen. Wer ihn anrief, konnte mit diesem Joe diskutieren. Gelegentlich mischte sich der echte Joe ein und nahm den H&#246;rer ab.</p><p>Ersch&#246;pft vom Kampf gegen eine Krebserkrankung schrieb Weizenbaum an seinen Bekanntenkreis eine Art Fazit „Was ich am Ende meines Lebens glaube“: „W&#252;rde die weltweite Gesellschaft blo&#223; vern&#252;nftig sein, k&#246;nnte das schon erreichte Wissen der Menschheit ein Paradies aus dieser Erde machen.“ Seinen eigenen Tod vor Augen, formulierte er diesen als einen letzten Dienst an die Menschheit. „Unser Tod ist der letzte Service, den wir der Welt leisten k&#246;nnen: w&#252;rden wir nicht aus dem Weg gehen, w&#252;rden die uns folgenden Generationen die menschliche Kultur nicht wieder frisch erstellen m&#252;ssen. Sie w&#252;rde starr, unver&#228;nderlich werden, also sterben. Und mit dem Tod der Kultur w&#252;rde alles Menschliche auch untergehen.“</p><h3 class=„subheading“ id=„navwir_gegen_die11“>„Wir gegen die Gier“</h3><p>Joseph Weizenbaum starb kurz nach <a href=„https://www.heise.de/meldung/Schwarzweiss-hat-viele-Farben-Joe-Weizenbaum-zum-85-Geburtstag-176495.html“><strong>seinem 85. Geburtstag [12]</strong></a> am 5. M&#228;rz 2008 nach einem Schlaganfall im Kreise der Familie in Gr&#246;ben. Zum Geburtstag konnte er noch sein politisches Credo ver&#246;ffentlichen. Es erschien unter dem Titel „Wir gegen die Gier“ in der S&#252;ddeutschen Zeitung und beginnt pessimistisch: „Die Erde ist ein Irrenhaus. Dabei k&#246;nnte das bis heute erreichte Wissen der Menschheit aus ihr ein Paradies machen. Daf&#252;r m&#252;sste die weltweite Gesellschaft allerdings zur Vernunft kommen.“ Doch der alte, zornige Grabenk&#228;mpfer gegen die instrumentalisierte Vernunft, gegen das Streben nach Reichtum und Macht, der Informatikern schon mal zurief „h&#246;rt auf, euch mit den vergifteten Fr&#252;chten des Wahnsinns vollzufressen“, brach auch in diesem letzten Text durch: „Der Glaube, dass Wissenschaft und Technologie die Erde vor den Folgen des Klimawandels bewahren wird, ist irref&#252;hrend. Nichts wird unsere Kinder und Kindeskinder vor einer irdischen H&#246;lle retten. Es sei denn: Wir organisieren den Widerstand gegen die Gier des globalen Kapitalismus.“</p><p>Zur Feier des 100. Geburtstages von Joe Weizenbaum gibt es am 10. Januar im Berliner Weizenbaum-Institut einen Festakt, der <a href=„https://www.weizenbaum-institut.de/news/auftaktveranstaltung/“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>gestreamt [13]</strong></a> werden soll. Auch das Paderborner Heinz-Nixdorf Museum <a href=„https://blog.hnf.de/joseph-weizenbaum-1923-2008/“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>erinnert [14]</strong></a> an den Gesellschaftskritiker.</p><p>() </p><p><strong>URL dieses Artikels:</strong><small><code>https://www.heise.de/-7450611</code></small></p><p><strong>Links in diesem Artikel:</strong><small><code><strong>[1]</strong>&#160;https://www.heise.de/thema/Missing-Link</code></small><small><code><strong>[2]</strong>&#160;https://oldfamilystories.com/2012/05/tombstone-tuesday-harry-weizenbaum-machpelah-cemetery-detroit-michigan/</code></small><small><code><strong>[3]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/ELIZA</code></small><small><code><strong>[4]</strong>&#160;https://archive.org/details/computerpowerhum0000weiz_v0i3</code></small><small><code><strong>[5]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Mythos_der_Maschine</code></small><small><code><strong>[6]</strong>&#160;https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/03080188.2020.1840218</code></small><small><code><strong>[7]</strong>&#160;https://monoskop.org/images/f/fa/Mumford_Lewis_Technics_and_Civilization.pdf</code></small><small><code><strong>[8]</strong>&#160;https://www.heise.de/meldung/50-Jahre-Kuenstliche-Intelligenz-141200.html</code></small><small><code><strong>[9]</strong>&#160;https://www.heise.de/meldung/Requiescat-in-pace-Zum-Tod-von-John-McCarthy-1366069.html</code></small><small><code><strong>[10]</strong>&#160;https://www.youtube.com/watch?v=K-O0O3pxveY</code></small><small><code><strong>[11]</strong>&#160;https://web.archive.org/web/20060312085133/http://www.sommeruni.uni-osnabrueck.de/programm.htm</code></small><small><code><strong>[12]</strong>&#160;https://www.heise.de/meldung/Schwarzweiss-hat-viele-Farben-Joe-Weizenbaum-zum-85-Geburtstag-176495.html</code></small><small><code><strong>[13]</strong>&#160;https://www.weizenbaum-institut.de/news/auftaktveranstaltung/</code></small><small><code><strong>[14]</strong>&#160;https://blog.hnf.de/joseph-weizenbaum-1923-2008/</code></small><small><code><strong>[15]</strong>&#160;mailto:bme@heise.de</code></small></p><p class=„printversioncopyright“><em>Copyright &#169; 2023 Heise Medien</em></p> </html>

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