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Missing Link: Kaufen Sie kein Elektroauto! Von falschen Konsum-Versprechungen

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<html> <header class=„article-header“><h1 class=„articleheading“>Missing Link: Kaufen Sie kein Elektroauto! Von falschen Konsum-Versprechungen</h1><div class=„publish-info“> Clemens Gleich</div></header><figure class=„aufmacherbild“><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/1/5/8/0/9/4/Einkaufszentrum-bd7cc37bb449c0a8.jpeg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/1/5/8/0/9/4/Einkaufszentrum-bd7cc37bb449c0a8.jpeg 700w, https://heise.cloudimg.io/width/1050/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/1/5/8/0/9/4/Einkaufszentrum-bd7cc37bb449c0a8.jpeg 1050w, https://heise.cloudimg.io/width/1500/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/1/5/8/0/9/4/Einkaufszentrum-bd7cc37bb449c0a8.jpeg 1500w, https://heise.cloudimg.io/width/2300/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/3/1/5/8/0/9/4/Einkaufszentrum-bd7cc37bb449c0a8.jpeg 2300w“ alt=„“ class=„img-responsive“ referrerpolicy=„no-referrer“ /><figcaption class=„akwa-caption“>(Bild:&#160;Sodel Vladyslav / Shutterstock.com)</figcaption></figure><p><strong>Sie wollen etwas tun, um das Leben, Ihr Leben, nachhaltiger zu gestalten? Tun Sie: nichts! Vor allem: Kaufen Sie nichts! Ein paar Anmerkungen zum &#220;berkonsum.</strong></p><p>Wie sehr uns unsere Konsumkultur pr&#228;gt, zeigen Antworten auf Fragen zur jeweils pers&#246;nlichen Beteiligung am Schutz des zuk&#252;nftigen Lebensraums der S&#228;ugetierart Homo Sapiens. Diese Antworten reihen n&#228;mlich bevorzugt auf, was die Befragten alles gekauft haben. Neue Elektroautos. Neue Hausd&#228;mmung. Neue Bioschuhe. Neue E-Fahrr&#228;der. Neue Bambustrinkhalme. Neue Zinkblechgie&#223;kannen. Die Kehrseite fehlt, der M&#252;ll dahinter: Die voll funktionale Plastikgie&#223;kanne, die im Rappel „Omas Zink muss her!“ entsorgt wurde. Die leicht ausgetretenen Plastikturnschuhe. Das gebrauchte, defektfreie Benzinmotorauto. Es besteht hier eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen bis hierhin nichts seltsam vorkam, so normal liest sich der Vorgang selbst mit der Lampe des Fokus darauf. Wenn wir umweltfreundlicher sein wollen, m&#252;ssen wir umweltfreundlicher konsumieren, oder? So sagen es uns t&#228;glich mehrere Bildschirme.</p><header class=„a-boxheader“ data-collapse-trigger=„“>„Missing Link“</header><div class=„a-boxtarget a-boxcontent a-inline-textboxcontent a-inline-textboxcontent–horizontal-layout“ data-collapse-target=„“><figure class=„a-inline-textboximage-container“><img alt=„“ src=„https://heise.cloudimg.io/width/210/q50.png-lossy-50.webp-lossy-50.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/2/1/3/9/8/8/1/MissingLink-5014ce8c801500e5.jpg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/420/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/2/1/3/9/8/8/1/MissingLink-5014ce8c801500e5.jpg 2x“ class=„c1“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></figure><div class=„a-inline-textboxcontent-container“><p class=„a-inline-textboxsynopsis“>Was fehlt: In der rapiden Technikwelt h&#228;ufig die Zeit, die vielen News und Hintergr&#252;nde neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischent&#246;ne h&#246;rbar machen.</p><ul class=„a-inline-textboxlist“><li class=„a-inline-textboxitem“><a class=„a-inline-textboxtext“ href=„https://www.heise.de/thema/Missing-Link“ title=„Mehr zum Feuilleton“><strong>Mehr zum Feuilleton „Missing Link“ [1]</strong></a></li></ul></div></div><p>Zur Schlussfolgerung der Absurdit&#228;t dieser Forderung fehlt es haupts&#228;chlich an t&#228;glichem Feedback. Wir <a href=„https://www.heise.de/hintergrund/Bundestagswahl-2021-So-wollen-die-Parteien-die-Energie-Verkehrswende-stemmen-6165910.html“><strong>sprechen t&#228;glich &#252;ber die Verkehrswende [2]</strong></a> oder &#252;ber <a href=„https://www.heise.de/meinung/Was-war-Was-wird-Von-Kraftriegeln-und-anderen-Zutaten-6165594.html“><strong>Volkswagens Curryw&#252;rste [3]</strong></a> in der Kantine oder Luisa Neubauers Linienfl&#252;ge. Doch der gr&#246;&#223;te Batzen unseres unhaltbaren Lebensstils sind weder Schnitzel noch Ferienfl&#252;ge, sondern unser krasser &#220;berkonsum. Selbst diesen Begriff m&#252;ssen Forscherinnen wie Dr. Maja G&#246;pel immer wieder neu erkl&#228;ren, so selten kommt das Kernproblem unserer Gesellschaft zur Sprache. „&#220;berkonsum“ bedeutet, was das Wort beschreibt: einen Konsum, der &#252;ber das hinausgeht, was unser Lebensraum regenerieren kann.</p><h3 class=„subheading“ id=„navsonstiger0“>Sonstiger Konsum, oder: &#220;berkonsum</h3><p>In Zahlen des UBA zur Einordnung: Ern&#228;hrung (inklusive allen Fleisches) macht 16 Prozent unseres CO2&#228;-Aussto&#223;es aus, alle Mobilit&#228;t (inklusive aller Fl&#252;ge) 20 Prozent, doch „sonstiger Konsum“ liegt bei 42 Prozent. Der gern Jugendlichen vorgehaltene Stromverbrauch von Streaming, Licht, Elektronik: l&#228;ppische 7 Prozent. Die verbliebenen 15 Prozent gehen an die Heizung. Das ist die Gr&#246;&#223;enordnung des Problems in einem Land, dessen Bewohner gro&#223;e Vielfache an CO2&#228; von etwa einem Menschen in Eritrea produzieren, ohne sich vorstellen zu k&#246;nnen, wie man da noch etwas sparen k&#246;nnte. Ich KAUFE doch schon so bewusst!</p><p>Die L&#246;sung liegt schon in der Problembeschreibung auf der Hand: Wenn Sie „etwas tun“ wollen, dann tun Sie am besten: nichts. Nichts kaufen. Der vielzitierte „Fu&#223;abdruck“ des Eritreers liegt doch nicht darin, dass er sich so viel geilen &#214;koschei&#223; kauft, sondern darin, dass er sich eben kaum etwas leisten kann. Mangels Wohlstand konsumiert er nur das N&#246;tigste. Unser Wohlstand dagegen finanziert haupts&#228;chlich Konsum, und manchmal scheint es, als sei der Konsum unser einzig m&#246;gliches Gl&#252;ck.</p><h3 class=„subheading“ id=„navarm_im1“>Arm im Schlaraffenland</h3><p>Das gest&#246;rte Verh&#228;ltnis zum Konsum ist umso bemerkenswerter, als er sich in unseren finanziellen Eckdaten widerspiegelt: Deutschland landet beim Einkommen auf den vorderen Pl&#228;tzen im europ&#228;ischen Vergleich. Beim Verm&#246;gen dagegen liegt unser Durchschnitt kaum &#252;ber dem europ&#228;ischen Durchschnitt, und beim relevanteren Median liegt Deutschland deutlich unter dem europ&#228;ischen Median. Wohin geht diese Differenz zwischen Einkommen und Verm&#246;gen? In die sogenannten „Lebenshaltungskosten“.</p><p>Diese Kosten bestehen bei uns haupts&#228;chlich aus hohen, stetig steigenden Mieten beziehungsweise Wohnkosten generell. Schon der n&#228;chste Punkt des Verkehrs enth&#228;lt jedoch &#220;berkonsum: 305 Euro im Monat kostet laut statistischem Bundesamt die pers&#246;nliche Mobilit&#228;t pro Haushalt. Konkreter: So viel kostet das Auto und die Ferienfl&#252;ge, denn zu Fu&#223; gehen kostet nichts, das alte Fahrrad fast nichts.</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><figcaption class=„a-caption“>Kaufen Sie dieses mehr oder minder formsch&#246;ne Auto und erhalten Sie tausende Euro gratis aus sozialer Umverteilung! Wie, Sie k&#246;nnen sich keinen Neuwagen leisten? Egal. Ihre Steuern finanzieren Andere, die das k&#246;nnen.</figcaption></div><p class=„a-captionsource“>(Bild:&#160;Clemens Gleich)</p></figure><p>Genauso viel kosten Lebensmittel inklusive Genussmittel wie Tabak im Monat, wozu geh&#246;rt: Deutschlands Lebensmittelkosten liegen im europ&#228;ischen Vergleich niedrig aufgrund unserer hochautomatisierten Landwirtschaft. Es sind die feinen Dinge, die Genussmittel, die den Wert nach oben treiben. Und der Rest des Monatsgelds, den verfeuern wir in lupenreinem Konsum. 100 Euro pro Monat im Schnitt f&#252;r Kleidung und Schuhe! Wenn ich das hier t&#228;te, hinge bald der ganze Dachboden voll meiner ungetragenen Ballkleider, und die Realit&#228;t der Modefreaks sieht nur vernachl&#228;ssigbar weniger absurd aus. Dass die Bundesregierung in so einem Kontext Geld von unten nach oben verteilt, damit Leute mehr Autos konsumieren, ist eine Farce, eine Frechheit, ein systematischer Fehler.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav&#228;pfel_birnen2“>&#196;pfel, Birnen, Elektroautos</h3><p>Wir wissen aus Untersuchungen und Vergleichen, dass das batterieelektrische Auto (battery electric vehicle, BEV) auf Lebenszeitsicht in Sachen CO2&#196; besser abschneidet als Benziner oder Diesel. Volvo kommt im direkten Vergleich auf etwa die H&#228;lfte des Impacts BEV/Verbrenner, das ICCT in seinen neuesten Hochrechnungen auf bis zu zwei Drittel Vorteil BEV. Diese ganze Zahlenspielerei verdeckt jedoch den Knackpunkt: Sie vergleicht das neue Elektroauto mit dem neuen Benziner. Das neue Elektroauto ersetzt jedoch den gebrauchten Benziner, und das meistens vorzeitig, vor allem mit F&#246;rderung. Emotionen pr&#228;gen unsere Beziehung zu Autos und deren Kosten. Deshalb kaufen wir schon &#246;konomisch betrachtet zu fr&#252;h neue Autos, und das gef&#246;rderte E-Auto versch&#228;rft das Problem. &#214;kologisch betrachtet schaut es viel schlechter aus. F&#252;r die kurzfristige Klimabilanz ist das E-Auto sogar schlechter, weil es mit einem Herstellungsrucksack vorf&#228;hrt, den der Verbrenner erst nach einigen Jahren des Gebrauchs einholt. Diese E-F&#246;rderung geht also rein an unsere Autoindustrie, und sie begr&#252;ndet sich von vorne bis hinten auf eine verquere Gef&#252;hlswelt.</p><p>Die daf&#252;r verantwortlichen Emotionen k&#246;nnen Sie sehr einfach nachvollziehen. Stellen Sie sich vor, Sie besuchen mit Ihrem Neuwagen die Werkstatt f&#252;r die planm&#228;&#223;ige Wartung. Wie f&#252;hlen sich diese 500 Euro an? Eher als Investition. Schlie&#223;lich will ich doch mit tadellosem Service-Heft weiterverkaufen! Wie f&#252;hlen sich die zahlreichen Defekte an, die der Hersteller auf Garantie bezahlt? Eher wie ein Entgegenkommen, obwohl Sie ohne eigene Schuld auf eigene Kosten durch die Gegend fahren und herumkommunizieren.</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><figcaption class=„a-caption“>Meditieren Sie einmal &#252;ber diese rhetorische Frage: Wenn neuere Fahrzeuge fahren billiger ist als alte reparieren, warum reparieren dann die &#228;rmsten Halter immer, bis es wirklich nicht mehr geht? Fahrten durch &#228;rmere Regionen in Afrika oder Asien zeigen, wie man am billigsten Maschinen betreibt. Diese Methoden lie&#223;en sich auch auf Umweltkosten optimieren.</figcaption></div><p class=„a-captionsource“>(Bild:&#160;Hubert Kriegel)</p></figure><p>Nun stellen Sie sich vor, Ihr zehn Jahre altes Auto braucht einen neuen Katalysator. Wie f&#252;hlt sich das an? Eher schmerzhaft, als verlorene Kosten, ein Geldkoffer auf ein sinkendes Schiff geworfen. Schon bald stellt sich das Gef&#252;hl ein, der Wagen sei wirtschaftlich unrentabel. Es ist fast immer nur ein Gef&#252;hl, denn ein altes Auto am Laufen halten bleibt sehr lange wirtschaftlicher, als &#246;fter mal ein neues zu f&#252;hren. Beim f&#252;r neuere Fahrzeuge gro&#223;en Posten „Wertverlust“ bestreiten viele Autofahrer kategorisch schon seine Existenz. Dieses Geld sei irgendwie „nicht real“, w&#252;nschen sie sich, obwohl man ihnen vorrechnen kann, was der Wertverlust sie bisher gekostet hat im Verkauf alt zu Kauf neu(er).</p><p>Die &#246;kologische Seite ist noch eindeutiger: Die umweltbewusste Halterin f&#228;hrt den alten Wagen vollst&#228;ndig auf und sieht sich dann nach dem lebenszyklusm&#228;&#223;ig besten Ersatz um. Die F&#246;rderung gr&#228;tscht genau hier sch&#228;dlich hinein. Der einzige, rein virtuelle Vorteil, der immer wieder genannt wird: F&#246;rderung sorgt f&#252;r schnellere Verf&#252;gbarkeit attraktiver Produkte. Kurz: Der Vorteil besteht nur im Kontext Konsum. Es g&#228;be reihenweise M&#246;glichkeiten, diese gigantischen Geldmengen sozialvertr&#228;glicher und &#246;kologisch wirksamer im Sektor Verkehr zu investieren. Aber wir m&#252;ssen ja Autos verkaufen.</p><h3 class=„subheading“ id=„navgef&#252;hlte3“>Gef&#252;hlte Wahrheiten</h3><p>Schmerzhafte Erlebnisse beeinflussen uns immer st&#228;rker als positive. Erinnern Sie sich an die Pubert&#228;t in der Schule. Ououou, da kommen Erinnerungen! Ganz viel Scham. So funktioniert der menschliche Geist eben. Tausende von Euro pro Jahr sparen durch ein &#228;lteres Auto f&#228;llt uns &#252;berhaupt nicht auf. Im Gegenteil &#228;rgern wir uns dar&#252;ber, dass wir 1000 Euro Reparaturkosten &#252;ber die Wartung hinaus aufwenden mussten. Um diese (schmerzhaften) 1000 Euro zu vermeiden, geben wir gern (wohlig investierte) 2000 Euro f&#252;r Mehrkosten eines neueren Fahrzeugs aus. Die neu gekaufte Bambuszahnb&#252;rste! Ach, wie bin ich heut' wieder &#246;kologisch! Der daf&#252;r weggeschmissene Zehnerpack Plastikb&#252;rsten: War was?</p>Bild 1 von 2<h2><a href=„https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_6174459.html?back=6173813“ title=„Bilderstrecke: Bamboozled (2 Bilder)“><strong>Bamboozled (2 Bilder) [4]</strong></a></h2><a href=„https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_6174459.html?back=6173813“ title=„Bilderstrecke: Bamboozled (2 Bilder)“><div class=„gallery-inner“><figure><strong><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/696/q50.png-lossy-50.webp-lossy-50.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/3/1/5/8/5/0/5/PXL_20210811_120558276-fee8ee438fab1c5d.jpg“ referrerpolicy=„no-referrer“ alt=„image“ /></strong></figure></div>[5]</a><figcaption>Wech mit dem Plastik, ich bin jetzt total nachhaltig!(Bild: Clemens Gleich)</figcaption><p>Wie jedes schwierige Problem entsteht der &#220;berkonsum nat&#252;rlich aus vielen Ursachen. Mein Nachbar hat sich das Haus ged&#228;mmt! Jetzt kaufe ich einen Hyundai Ioniq, das wird ihm zeigen, wer hier mehr tut f&#252;r die Zukunft! Mit dem Ioniq kann ich zudem viel mehr mit meiner Tugendhaftigkeit hausieren gehen als mit meinem zwanzig Jahre alten Golf, den er ersetzt. Bei egal welchem Problem muss immer jemand etwas TUN, das fordert das Fernsehen schon im Moment der Berichterstattung. B&#252;rger fordern, dass irgendjemand irgendetwas tun soll, und geben sich zufrieden, wenn das in dieser Wahllosigkeit geschieht. Sehr oft gibt es jedoch nichts (Sinnvolles) zu tun. Sehr oft w&#228;re es im Gegenteil besser, nichts zu tun, oder weniger zu tun.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_das_tao_des4“>Das Tao des modernen Konsums</h3><p>Der Taoismus beschreibt als eine seiner prim&#228;ren Stands&#228;ulen das „Tun durch Nichtstun“ (Wu Wei). Die Formulierung ist absichtlich in sich widerspr&#252;chlich, das Konzept ist das jedoch nicht. Am einfachsten erkl&#228;rt es sich anhand Deutschlands beliebtestem Hobby: G&#228;rtnern. Ein „Garten“ enth&#228;lt per definitionem menschliche Gestaltung und nat&#252;rliches Wachstum in jeweils individuellen Anteilen. Sie k&#246;nnen sich im Garten totarbeiten, wenn Sie versuchen, alles zu kontrollieren &#8211; ein bew&#228;hrtes Rezept zum Ungl&#252;cklichsein. Der Mensch im Garten muss wissen, was zum Gestaltungsziel zu TUN ist, wichtiger aber noch, was er LASSEN kann, ja: muss. Sie k&#246;nnen keine Begonie bauen. Die Pflanze muss das selber tun. Das gilt auf allen Ebenen des Biotops. Und der Mensch neigt immer zum zu viel tun; der moderne Mensch am liebsten in Verbindung mit zu viel kaufen. Machen Sie sich den Spa&#223; und recherchieren Sie einmal, wie viel Pflanzenmasse Hausg&#228;rtner (gegen Geld, mit dem Auto) entsorgen, wie viel Komposterde (am liebsten in Plastiks&#228;cken) sie kaufen und wie viele Komposthaufen es in Hausg&#228;rten gibt.</p><figure class=„a-inline-image a-u-inline“><div><figcaption class=„a-caption“>Auf der Wiese hinterm Haus (Au&#223;enbereich) der ewige Kampf: Meine Frau will m&#246;glichst viel tun, ich will m&#246;glichst viel lassen. Kompromiss: Gem&#228;hte Wege, dazwischen R&#252;ckzugsorte f&#252;r Flora und Fauna.</figcaption></div><p class=„a-captionsource“>(Bild:&#160;Clemens Gleich)</p></figure><p>Das Autofahren funktioniert (taoistisch betrachtet) nicht grundlegend anders. Ein altes Auto gegen ein neues Elektroauto zu tauschen, ist trotz F&#246;rderung selten wirtschaftlich und noch seltener umweltfreundlich. Tun Sie doch erst einmal: nichts. Wenn sich das alte Auto wirklich nicht mehr reparieren l&#228;sst (das ist etwas Anderes als das vage Gef&#252;hl, das lohne sich nicht mehr), k&#246;nnen Sie es immer noch gegen die &#252;ber die Lebenszeit umweltfreundlichste Option ersetzen. Der Trick zu einem zuverl&#228;ssigen Gebrauchtwagen: Wartung machen, als sei da noch Garantie drauf. Dann kommen auch Defekte nicht mehr so „aus heiterem Himmel“. Autohersteller hassen diesen Trick. Er st&#228;rkt jedoch die lokale Wirtschaft, denn die Werkstatt liegt um die Ecke, w&#228;hrend das neue Auto in Tschechien oder gleich in Asien vom Band l&#228;uft.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_because_i_39_m5“>Because I'm Happy</h3><p>Na? Regt sich Widerstand in der Hirnrinde? Was will der Schreiberling? Soll ich etwa leben wie meine Urgro&#223;eltern? Graupensuppe und Gewalt jeden Tag? Das ist die gro&#223;e L&#252;ge, die uns die Bildschirme jeden Tag erz&#228;hlen: Dass Konsum (und nur Konsum) uns gl&#252;cklich macht, dass jedes Weniger in der logischen Folgerung unser Gl&#252;ck mindert. Henderson-DeSylva-Brown wussten es schon in den 1920ern: The best things in life are free.</p><p>Fast hundert Jahre Forschung sp&#228;ter wissen wir, dass der etwas d&#252;mmlich-naiv klingende Spruch stimmt. Spazierengehen und andere Menschen machen uns zufrieden. An M&#246;glichkeiten zu beidem herrscht kein Mangel, beides kostet weniger Lebenszeit als die Alternativen. Viel arbeiten, um viel zu kaufen dagegen kann sehr schnell sehr ungl&#252;cklich machen. Deshalb braucht dieses unser Lebenskonzept ihre t&#228;gliche Werbung. Und deshalb stehe ich hier immer und predige Spazierengehen und mit Kumpels abh&#228;ngen, bis Ihnen das Thema zu allen L&#246;chern herausl&#228;uft. Es muss einen stetig wiederholten Gegenentwurf geben zum stetig wiederholten &#220;berkonsum, aus dem schlichten Grund, dass &#220;berkonsum nicht nachhaltig funktioniert. Das Konsumproblem durch Konsum l&#246;sen wollen ist genauso d&#228;mlich wie „War on Terror“ oder das ebendies ver&#228;ppelnde „Fucking for Virginity“.</p><p>Und damit niemand in die Absolutismus-Falle der radikalen Veganer l&#228;uft: Es muss nicht die totale Abkehr von jedem Konsum sein, bei dem Sie sich auf den Kopf stellen m&#252;ssen, wenn Sie aus der Eisenwarenabteilung drei neue Schrauben kaufen wollen. Etwas weniger hilft schon. Viele Leute etwas weniger ergibt fast immer mehr Effekt als wenige Leute, die 100 Prozent schaffen.</p><h3 class=„subheading“ id=„nav_was_reicht6“>Was reicht?</h3><p>Wie viel vom Zuviel w&#228;re mir genug? Es hilft eigentlich nur Erfahrung. Daher ein kleines Spiel, f&#252;r den Sanktnimmerleinstag, an dem Sie „mal Zeit haben“: Kaufen Sie 30 Tage lang nichts au&#223;er Lebensmittel. Stellen Sie sich die Challenge, das Auto so wenig wie m&#246;glich zu benutzen (&#228;hnlich dem, was Fahrer von Plug-in-Hybriden mit elektrisch fahren tun, nur besser). Gehen Sie stattdessen m&#246;glichst viel zu Fu&#223;. Sprechen Sie jeden Tag pers&#246;nlich mit einem relevanten Menschen, den Sie vernachl&#228;ssigt haben, weil dieser Mensch einen Account bei Facebook hat und Ihr Essensbild sehen kann (ja, ich impliziere hier, dass ein Like und ein Schnitzelfoto unzul&#228;nglich sind f&#252;r eine menschliche Beziehung). Benutzen Sie keine asozialen Medien. Ich kann Ihnen garantieren, dass Sie am Ende dieser 30 Tage a) gl&#252;cklicher sind und b) finanziell wie sozial reicher. Vielleicht haben Sie gar angefangen, Taoismuskonzepte in Ihrem Garten anzuwenden.</p><p>Das Schwierige ist nach diesem Zeitraum nur, dass Ihnen die Bildschirme weiterhin st&#228;ndig erz&#228;hlen, was Sie alles an Gl&#252;ckskonsum verpassen, was NORMAL ist, was Ihnen FEHLT. Das erodiert die erlebte positive Erfahrung erstaunlich schnell. Konsum ist systematisch bei uns im Westen. Wir tr&#228;umen noch immer von der Kapitalistenutopie des ewigen Wachstums. Die n&#246;tige Rei&#223;leine w&#228;re jedoch: gesundschrumpfen. Das gro&#223;e Geheimnis am Ende: Wer weniger &#252;berkonsumiert, muss nicht unbedingt das Mehrgeld sparen. Sie k&#246;nnten auch (Schnappatmung!) bei gleichem Sparvolumen weniger arbeiten. Mehr Zeit f&#252;r die Kinder, f&#252;r die Lebenspartner, f&#252;r die H&#228;ngematten, f&#252;rs Menschsein. Doch wie wir zuletzt in der Krise unmissverst&#228;ndlich sahen: Genau das will kein deutscher Entscheider.</p><p>() </p><hr /><p><strong>URL dieses Artikels:</strong><br /><small>

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<strong>[1]</strong>&#160;https://www.heise.de/thema/Missing-Link

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<strong>[2]</strong>&#160;https://www.heise.de/hintergrund/Bundestagswahl-2021-So-wollen-die-Parteien-die-Energie-Verkehrswende-stemmen-6165910.html

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<strong>[3]</strong>&#160;https://www.heise.de/meinung/Was-war-Was-wird-Von-Kraftriegeln-und-anderen-Zutaten-6165594.html

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<strong>[4]</strong>&#160;https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_6174459.html?back=6173813

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<strong>[5]</strong>&#160;https://www.heise.de/bilderstrecke/bilderstrecke_6174459.html?back=6173813

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<strong>[6]</strong>&#160;mailto:jk@ct.de

</small><br /></p><p class=„printversion__copyright“><em>Copyright &#169; 2021 Heise Medien</em></p> </html>

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