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Zahlen, bitte! 5 - Wie bunt ist die Ebene?

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<html> <p class=„printversionback-to-article printversion–hide“><a href=„https://www.heise.de/newsticker/meldung/Zahlen-bitte-Wie-bunt-ist-die-Ebene-4024574.html“>zur&#252;ck zum Artikel</a></p><figure class=„printversionlogo“><img src=„https://1.f.ix.de/icons/svg/logos/svg/heiseonline.svg“ alt=„heise online“ width=„180“ heigth=„40“/></figure><figure class=„aufmacherbild“><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/4/0/9/0/0/4/fuenf-e90bc2508e5ee263.png“ alt=„f&#252;nf“/></figure><p><strong>Das ber&#252;hmte Vier-Farben-Problem zum Einf&#228;rben von Landkarten ist gel&#246;st, aber eine zweite Vier-Farben-Frage zur „chromatischen Zahl der Ebene“ widersetzt sich seit 1950 einer Antwort. Seit Kurzem wei&#223; man, dass sie mindestens f&#252;nf lautet.</strong></p> <p>Viele Fragen in der Mathematik sind so einfach, dass ein Schulkind sie begreifen kann, und trotzdem so kompliziert, dass sich Mathematiker jahrzehntelang die Z&#228;hne daran ausbei&#223;en. Eine recht bekannte Frage dieser Art lautet: Wie viele Farben braucht man mindestens, wenn man eine Landkarte so einf&#228;rben will, dass L&#228;nder mit einer gemeinsamen Grenze verschiedene Farben bekommen?</p>

<p>Als Francis Guthrie im Jahre 1852 eine Karte der Grafschaften von England einf&#228;rben wollte, ben&#246;tigte er dazu vier Farben und fragte sich, ob das eigentlich immer ausreicht. Man kann leicht Beispiele konstruieren, f&#252;r die drei Farben nicht gen&#252;gen, aber gibt es irgendeine denkbare Landkarte, die mindestens f&#252;nf Farben erfordert? Sein Bruder Frederick trug diese Frage weiter zu dem britischen Mathematiker Augustus De Morgan, von wo aus sie ihren Weg durch die mathematische Fachwelt nahm. Ihre bewegte Geschichte soll hier nicht erz&#228;hlt werden &#8211; erst seit 1976 kennt man jedenfalls die Antwort als <strong>Vier-Farben-Satz[2]</strong>: Ja, vier Farben gen&#252;gen immer.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_graphentheorie_1“>Graphentheorie</h3> <p>Abstrakter formuliert geht es beim Vier-Farben-Problem um das F&#228;rben eines Graphen. Ein Graph beschreibt Dinge, <em>Knoten</em> genannt, und Verbindungen zwischen ihnen, die <em>Kanten</em>. Im Falle der Landkarte sind die Knoten die L&#228;nder und eine Kante verbindet zwei L&#228;nder, wenn diese eine gemeinsame Grenze haben. So betrachtet ist die Welt voller Graphen: In einem Computernetzwerk ist jedes Element ein Knoten und jede Verbindung eine Kante; soziale Netzwerke haben Menschen als Knoten und Freundschaftsbeziehungen als Kanten und so weiter.</p> <figure class=„ a-inline–right“><noscript> <p><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/840/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/4/0/9/0/0/4/GolombGraph-3315817d995425ae.png“ alt=„Golomb-Graph“ class=„akwa-article-teaserimage c1“/></p> </noscript> <figcaption class=„rteinlinebild_source akwa-caption“>Der Golomb-Graph und eine zul&#228;ssige F&#228;rbung mit vier Farben (Bild:&#160; MathsPoetry / <strong>Wikimedia Commons[3]</strong> (<strong>CC BY-SA 3.0[4]</strong>) )</figcaption></figure><p>Das F&#228;rben von Graphen, also die Zuweisung einer Farbe zu jedem Knoten, sodass zwei durch eine Kante verbundene Knoten nicht dieselbe Farbe erhalten, hat massenhaft praktische Anwendungen, wenn man auch den Begriff Farbe als Abstraktion auffasst: Zwei Mobilfunksender (Knoten), die benachbart sind (Kante dazwischen), sollen nicht auf dem gleichen Kanal (Farbe) senden; zwei Leute, die auf Facebook befreundet sind, sollen bei einer Umfrage nicht denselben Fragebogen bekommen; zwei Lehrveranstaltungen eines Dozenten k&#246;nnen nicht zum gleichen Zeitpunkt stattfinden.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_ein_neues2“>Ein neues Vier-Farben-Problem</h3> <p>Im Jahr 1950 &#8211; das Vier-Farben-Problem war da noch ungel&#246;st &#8211; dachte sich der damals 18-j&#228;hrige werdende Mathematiker Edward Nelson (sp&#228;ter Professor in Princeton; 2014 verstorben): Was w&#228;re, wenn sich eine gro&#223;e Klasse von F&#228;rbungsproblemen auf eine „Mutter aller Graphen“ zur&#252;ckf&#252;hren lie&#223;e, sagen wir mal alle Punkte der Ebene als Knoten, wobei alle Punkte mit Abstand eins durch Kanten verbunden sind? Dieser Gedanke f&#252;hrte in dieser Form nicht weiter, aber er lieferte ein an sich spannendes Problem, von dem Nelson mehreren Leuten erz&#228;hlte.</p> <div class=„apester-media“ data-context=„true“ data-fallback=„true“ data-tags=„“ data-token=„5a659b370b0e0c0001667550“/> <p>Und so sprach sich die Frage nach der „chromatischen Zahl der Ebene“ herum: Wie viele Farben braucht man mindestens, um jeden Punkt der Ebene so einzuf&#228;rben, dass je zwei Punkte im Abstand von genau 1 nicht dieselbe Farbe haben? Hier geht es wohlgemerkt nicht um endlich viele zusammenh&#228;ngende Farbfl&#228;chen, sondern wirklich jeder Punkt der ganzen Ebene bekommt eine eigene Farbe; das klingt also erst einmal viel komplizierter. Aber schon 1950 wurde klar, dass die chromatische Zahl der Ebene zwischen 4 und 7 liegen muss.</p> <p>Die Argumente f&#252;r beides &#8211; die Untergrenze 4 und die Obergernze 7 &#8211; sind auch ohne tiefe Mathe-Kenntnisse nachzuvollziehen. Aufw&#228;rm&#252;bung: Zwei Farben gen&#252;gen offensichtlich nicht, denn betrachtet man die Ecken eines beliebigen gleichseitigen Dreiecks mit Kantenl&#228;nge 1, dann m&#252;ssen allein diese drei Punkte schon drei verschiedene Farben haben; da braucht man an die Farben all der anderen Punkte der Ebene erst gar nicht zu denken.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_mindestens_4_3“>Mindestens 4</h3> <figure class=„ a-inline–right“><noscript> <p><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/1340/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/4/0/9/0/0/4/MoserSpindel-42cb8ea576cb9e49.png“ alt=„Moser-Spindel“ class=„akwa-article-teaserimage c1“/></p> </noscript> <figcaption class=„rteinlinebild_source akwa-caption“>Die Moser-Spindel l&#228;sst sich nicht mit drei Farben einf&#228;rben. (Bild:&#160; <strong>The Mathematical Coloring Book[5]</strong> )</figcaption></figure><p>Dass drei Farben nicht gen&#252;gen, sieht man durch Betrachtung der „Moser-Spindel“ (nach den kanadischen Br&#252;dern Leo und William Moser). Die sieben Punkte in der nebenstehenden Abbildung (alle Linien haben L&#228;nge 1) lassen sich nicht mit drei Farben, sagen wir rot, gr&#252;n und blau, einf&#228;rben. Wenn beispielsweise A rot ist, dann m&#252;ssen B und C gr&#252;n und blau (oder umgekehrt) sein, der zu beiden benachbarte Punkt D dann wiederum rot. Ebenso m&#252;ssen E und F als Nachbarn von A gr&#252;n beziehungsweise blau sein, weswegen der zu beiden benachbarte Punkt G wiederum rot sein muss. Das hie&#223;e aber, dass die beiden benachbarten Punkte D und G beide rot w&#228;ren, was nicht sein darf. Der weiter oben gezeigte Golomb-Graph l&#228;sst sich &#252;brigens ebenfalls nicht mit drei Farben einf&#228;rben.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_h&#246;chstens_7_4“>H&#246;chstens 7</h3> <figure class=„ a-inline–right“><noscript> <p><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/860/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/4/0/9/0/0/4/7farben-3187b00a42ed8962.png“ alt=„7 Farben in der Ebene“ class=„akwa-article-teaserimage c1“/></p> </noscript> <figcaption class=„rteinlinebild_source akwa-caption“>Eine regelm&#228;&#223;ige Parkettierung der Ebene mit 7 Farben</figcaption></figure><p>Dass sieben Farben gen&#252;gen, sieht man an einem Beispiel, das Hugo Hadwiger bereits 1945 im Kontext eines anderen Problems ver&#246;ffentlicht hat. Wenn man die Ebene mit Sechsecken der Kantenl&#228;nge 1 parkettiert und diese mit sieben Farben einf&#228;rbt, dann haben zwei gleichfarbige Punkte innerhalb eines Sechsecks einen Abstand von h&#246;chstens 2. Der Abstand zum n&#228;chsten gleichfarbigen Sechseck betr&#228;gt (kann man leicht nachrechnen) die Quadratwurzel aus 7, ungef&#228;hr 2,65. Zwei Punkte im Abstand von mehr als 2 und weniger als 2,65 k&#246;nnen also nicht die gleiche Farbe haben. Verkleinert man also dieses Muster um einen Faktor von beispielsweise 2,3, so ist das Ergebnis eine gem&#228;&#223; dem Problem zul&#228;ssige F&#228;rbung der Ebene mit sieben Farben.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_geschichte_des5“>Geschichte des Problems</h3> <p>Nachdem das klar war, widersetzte sich das Problem viele Jahre lang hartn&#228;ckig einer L&#246;sung. Weil viele es nur vom H&#246;rensagen kannten, wurde es immer wieder verschiedenen Autoren zugeschrieben. Martin Gardner war der erste, der das Problem ver&#246;ffentlichte, und zwar im Oktober 1960 in seiner Kolumne im <em>Scientific American</em>. In seinem sehr empfehlenswerten Buch <strong>The Mathematical Coloring Book[6]</strong> widmet Alexander Soifer ein ganzes Kapitel der Spurensuche nach der Quelle des Problems, um es schlie&#223;lich Nelson zuzuordnen; weil Hadwiger schon zuvor die obige Parkettierung der Ebene betrachtet hatte, hei&#223;t es heute Hadwiger-Nelson-Problem.</p> <p>Paul Erd&#246;s, der vielleicht produktivste Mathematiker des 20. Jahrhunderts, interessierte sich f&#252;r die chromatische Zahl der Ebene und erw&#228;hnte diese offene Frage in Vortr&#228;gen immer wieder, ohne einer L&#246;sung n&#228;her zu kommen. Sein Bauchgef&#252;hl war aber, dass man mindestens f&#252;nf Farben brauchen w&#252;rde. Das hat sich nun endlich best&#228;tigt.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_mindestens_56“>Mindestens 5!</h3> <p>In seinem Artikel <strong>The chromatic number of the plane is at least 5[7]</strong> gibt der Biomediziner und Hobby-Mathematiker Aubrey de Grey Beispiele f&#252;r Graphen aus Punkten im Abstand 1 an, die sich nicht mit vier Farben f&#228;rben lassen. Das gr&#246;&#223;ere hat 20.425 Knoten, das kleinste ist mit 1581 Knoten immer noch „etwas unhandlich“ und der Nachweis, dass vier Farben nicht gen&#252;gen, erfordert Computerhilfe. Die Konstruktion selbst ist elementar und ohne tiefe mathematische Kenntnisse nachzuvollziehen.</p> <p>Nach 68 Jahren des Stillstands in dieser Frage wei&#223; man also nun endlich, dass die chromatische Zahl der Ebene mindestens f&#252;nf betr&#228;gt. Womit sie aber immer noch sechs oder sieben sein k&#246;nnte. Paul Erd&#246;s meinte eher f&#252;nf, Alexander Soifer vermutet in seinem oben erw&#228;hnten Buch sieben. Wenn es jedenfalls genauso lange bis zur L&#246;sung dauert wie beim urspr&#252;nglichen Vier-Farben-Problem, werden wir wohl noch 50 Jahre warten m&#252;ssen.</p> <p> (<em>Harald B&#246;geholz</em>) / (<strong>bo[8]</strong>)<br class=„clear“/></p> <hr/><p><strong>URL dieses Artikels:</strong><br/><small><code>http://www.heise.de/-4024574</code></small></p> <p><strong>Links in diesem Artikel:</strong><br/><small><code><strong>[1]</strong>&#160;http://www.heise.de/thema/Zahlen-bitte!</code></small><br/><small><code><strong>[2]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Farben-Satz</code></small><br/><small><code><strong>[3]</strong>&#160;https://commons.wikimedia.org/wiki/File:GolombGraphProperties.svg</code></small><br/><small><code><strong>[4]</strong>&#160;https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en</code></small><br/><small><code><strong>[5]</strong>&#160;https://www.heise.de/preisvergleich/124191231?hocid=newsticker&amp;wt_mc=intern.newsticker.textlink-pvg.pvg_124191231</code></small><br/><small><code><strong>[6]</strong>&#160;https://www.heise.de/preisvergleich/124191231?hocid=newsticker&amp;wt_mc=intern.newsticker.textlink-pvg.pvg_124191231</code></small><br/><small><code><strong>[7]</strong>&#160;https://arxiv.org/abs/1804.02385</code></small><br/><small><code><strong>[8]</strong>&#160;mailto:bo@boegeholz.org</code></small><br/></p> <p class=„printversioncopyright“><em>Copyright &#169; 2018 Heise Medien</em></p> </html>

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