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Zahlen, bitte! Gödel und der US-Verfassungszusatz Nummer 5

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<html> <p class=„printversionback-to-article printversion–hide“><a href=„https://www.heise.de/newsticker/meldung/Zahlen-bitte-Goedel-und-der-US-Verfassungszusatz-Nummer-5-4710987.html“>zur&#252;ck zum Artikel</a></p><figure class=„printversionlogo“><img src=„https://1.f.ix.de/icons/svg/logos/svg/heiseonline.svg“ alt=„heise online“ width=„180“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></figure><figure class=„aufmacherbild“><img src=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/8/8/6/2/7/0/ZahlenBitte-51bde0b826c97ca2.jpeg“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/700/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/8/8/6/2/7/0/ZahlenBitte-51bde0b826c97ca2.jpeg 700w, https://heise.cloudimg.io/width/1050/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/8/8/6/2/7/0/ZahlenBitte-51bde0b826c97ca2.jpeg 1050w, https://heise.cloudimg.io/width/1500/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/8/8/6/2/7/0/ZahlenBitte-51bde0b826c97ca2.jpeg 1500w, https://heise.cloudimg.io/width/2000/q75.png-lossy-75.webp-lossy-75.foil1/_www-heise-de_/imgs/18/2/8/8/6/2/7/0/ZahlenBitte-51bde0b826c97ca2.jpeg 2000w“ alt=„Zahlen, bitte: G&#246;del und der US-Verfassungszusatz Nummer 5“ class=„img-responsive“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></figure><p><strong>Kurt G&#246;del war ein Mathematiker, der bedeutende Beitr&#228;ge zur Logik leistete. Au&#223;erdem meinte er, eine L&#252;cke in der US-Verfassung gefunden zu haben.</strong></p> <p>Der 28. April ist der Geburtstag von Kurt G&#246;del. Er wird wahlweise als Mathematiker, Logiker und als Philosoph beschrieben. G&#246;del f&#252;hrte den Beweis, dass ein formales System nicht logisch konsistent und zugleich vollst&#228;ndig sein kann: „Jedes hinreichend m&#228;chtige, rekursiv aufz&#228;hlbare formale System ist entweder widerspr&#252;chlich oder unvollst&#228;ndig.“</p> <p>Neben diesem ersten Unvollst&#228;ndigkeitssatz &#8211; dem ein zweiter folgte („Jedes hinreichend m&#228;chtige konsistente formale System kann die eigene Konsistenz nicht beweisen.“) &#8211; wollte G&#246;del eine logische L&#252;cke in der US-Verfassung entdeckt haben, die es gestattet, dass ein Diktator die Macht ergreift.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_revolution&#228;re0“>Revolution&#228;re Promotion</h3> <p>Kurt G&#246;del wurde vor 114 Jahren in Br&#252;nn (Brno) geboren. Die Stadt geh&#246;rte damals zu &#214;sterreich-Ungarn, womit G&#246;del ein k.-k.-Staatsb&#252;rger war. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte G&#246;del in Wien und nahm noch als Gymnasiast 1923 die &#246;sterreichische Staatsb&#252;rgerschaft an. An der dortigen Universit&#228;t studierte er zun&#228;chst theoretische Physik, doch widmete er sich unter dem Einfluss seiner Lehrer bald mathematischen Problemen, besonders in der formalen Logik und der Mengenlehre.</p> <p>1930 promovierte G&#246;del mit einer Arbeit „&#220;ber die Vollst&#228;ndigkeit des Logikkalk&#252;ls“. Seine Arbeit revolutionierte die Mathematik, auch wenn er bei der &#246;ffentlichen Pr&#228;sentation seines Unvollst&#228;ndigkeitssatzes auf der Tagung der Mathematiker 1930 in K&#246;nigsberg auf vollst&#228;ndiges Unverst&#228;ndnis seiner Kollegen traf.</p> <div class=„inread“> <p>In den USA wurde seine Zertr&#252;mmerung des <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Hilbertprogramm“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Hilbertprogramms [1]</strong></a> etwas besser aufgenommen. G&#246;del wurde an das Institute for Advanced Studies nach Princeton eingeladen und reiste 1933 nach Amerika. Nach Wien zur&#252;ckgekehrt, verlor er nach dem „Anschluss“ &#214;sterreichs ans Dritte Reich seine Dozentur. Lehrauftr&#228;ge in Princeton und an der University of Notre Dame hielten ihn &#252;ber Wasser. Noch einmal nach Europa zur&#252;ckgekehrt, musste G&#246;del feststellen, dass seine Forschung nicht mit der <a href=„https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Mathematik“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Deutschen Mathematik [2]</strong></a> der Nationalsozialisten vereinbar war. Er und seine Frau Adele emigrierten in die USA.</p> <p>Am Institut in Princeton half ihnen der eingeb&#252;rgerte &#246;sterreichische Landsmann Oskar Morgenstern beim Einleben und Einrichten in den Alltag. Noch wichtiger war f&#252;r Kurt G&#246;del die Bekanntschaft mit Albert Einstein, mit dem ihn zeitlebens eine tiefe Freundschaft verband. Einstein erkl&#228;rte einmal, er arbeite nur deshalb am Institut, damit er abends gemeinsam mit G&#246;del nach Hause spazieren darf.</p> <div class=„a-boxtarget a-boxcontent a-inline-textboxcontent a-inline-textboxcontent–horizontal-layout“ data-collapse-target=„“> <figure class=„a-inline-textboximage-container“><img alt=„“ src=„https://heise.cloudimg.io/width/953/q50.png-lossy-50.webp-lossy-50.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/1/7/4/9/0/6/8/zahlenbitte_dossier-76d5179b16359892.png“ srcset=„https://heise.cloudimg.io/width/1906/q30.png-lossy-30.webp-lossy-30.foil1/_www-heise-de_/imgs/71/1/7/4/9/0/6/8/zahlenbitte_dossier-76d5179b16359892.png 2x“ class=„c1“ referrerpolicy=„no-referrer“ /></figure><div class=„a-inline-textboxcontent-container“> <p class=„a-inline-textboxsynopsis“>In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verbl&#252;ffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und nat&#252;rlich der Mathematik vor.</p> <ul class=„a-inline-textboxlist“><li class=„a-inline-textboxitem“><a class=„a-inline-textboxtext“ href=„http://www.heise.de/thema/Zahlen-bitte!“ title=„Alle Artikel zu“><strong>Alle Artikel zu „Zahlen, bitte!“ [3]</strong></a></li> </ul></div> </div> <div data-collapse-trigger=„“> <h3 class=„subheading“ id=„nav_eine_l&#252;cke_in1“>Eine L&#252;cke in der US-Verfassung</h3> <p>Morgenstern und Einstein waren bereits US-Staatsb&#252;rger und rieten G&#246;del, seine Einb&#252;rgerung zu beantragen. Ganz im Stil seiner wissenschaftlichen Arbeit begann G&#246;del damit, f&#252;r die Pr&#252;fung bei der Einb&#252;rgerung alle Gesetzestexte zu lesen und die Geschichte der USA zu studieren. Dabei stie&#223; er auf eine logische L&#252;cke in der US-Verfassung, &#252;ber die er sich nach einer Tagebuch-Notiz von Oskar Morgenstern zufolge sehr aufregte.</p> <p>Am 5. Dezember 1947 fuhr Kurt G&#246;del mit Oskar Morgenstein und Albert Einstein als Zeugen zur Einb&#252;rgerungs-Anh&#246;rung in die Bezirksstadt Trenton. &#220;ber die Verhandlung vor dem Richter gibt es <a href=„https://jeffreykegler.github.io/personal/morgenstern.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>viele Berichte [4]</strong></a> aus dritter Hand, etwa eine „szenische“ Spiegel-Geschichte, in der der Richter „blaffte“ und G&#246;del „aufbrausend“ antwortete.</p> <p>Erst im Jahren 2006 fand man die <a href=„https://drive.google.com/file/d/0B9_mR_M2zOc4Y2VhNzZkMDQtMDdlNC00YWQ0LWJlYzQtMzAxZjAxMGYxNzM5/view“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Erinnerungen von Oskar Morgenstern [5]</strong></a> an diesen denkw&#252;rdigen Tag wieder. Der vergn&#252;glich zu lesende Bericht des Augenzeugen Morgenstern schildert den Dialog zwischen dem examinierenden Richter Philip Forman und Kurt G&#246;del so:</p> <p class=„indent rteabs–indent“><em>„Nun, Mister G&#246;del, wo kommen Sie her?“<br /> „Wo ich herkomme? &#214;sterreich.“<br /> „Was f&#252;r eine Regierung hatten sie in &#214;sterreich?“<br /> „Es war eine Republik, doch die Verfassung war so, dass sie in eine Diktatur verwandelt wurde.“<br /> „Oh, das ist schlecht. Das kann in diesem Land nicht passieren.“<br /> „Aber ja. Ich kann es beweisen.“<br /> „Oh Gott. Lassen wir uns da nicht ins Detail gehen.“</em></p> <p>Richter Philip Forman war ein Freund von Albert Einstein und folgte vielleicht einem Wink oder einem Augenrollen. Jedenfalls brach er die Befragung zur gro&#223;en Erleichterung von Morgenstern und Einstein ab. Am 2. April 1948 konnte Kurt G&#246;del seinen Eid auf die US-Verfassung ablegen, die er f&#252;r unvollst&#228;ndig hielt.</p> <h3 class=„subheading“ id=„nav_spekulationen2“>Spekulationen &#252;ber die L&#252;cke</h3> <p>Wie G&#246;dels Beweis ausgesehen haben mag, ist damit nicht bekannt. F&#252;r Juristen und Logiker gibt es eine ausf&#252;hrliche <a href=„https://law.capital.edu/WorkArea/DownloadAsset.aspx?id=32584“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Studie von Enrique Guerra-Pujol [6]</strong></a>, die alle m&#246;glichen g&#246;delisierende und nicht-g&#246;delisierenden M&#246;glichkeiten auff&#252;hrt, wie in den USA eine Diktatur entstehen kann. Darunter befindet sich die bizarre Idee, dass ein Pr&#228;sident so viele (ihm gesonnene) neue Bundesstaaten in die US aufnimmt, bis er in allen Kammern und Staaten die Mehrheit hat.</p> <p>Mehrheitlich wird vermutet, dass G&#246;del den Zusatzartikel 5 der US-Verfassung gemeint haben k&#246;nnte, mit dem die Verfassung selbst revidiert werden kann. Damit die Verfassung ge&#228;ndert werden kann, m&#252;ssen jeweils zwei Drittel des Repr&#228;sentantenhauses und des Senats sowie drei Viertel der Bundesstaaten zustimmen. Eine solche Generalklausel gibt es in vielen Verfassungen, nur nicht im deutschen Grundgesetz. Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus legten die V&#228;ter unserer Verfassung fest, dass jedwede &#196;nderungen der Artikel 1 und 20 des Grundgesetzes ung&#252;ltig sind.</p> <p>Eine interessante Erkl&#228;rung von G&#246;dels Einsicht in den Fehler der US-Verfassung hat der Informatiker Peter Dietz in seinem Buch „Menschengleiche Maschinen“ &#252;ber G&#246;dels Logik formuliert: <em>„In eine einfachere Sprache &#252;bersetzt lautet die Konsequenz daraus, dass selbst Mathematiker, die Adepten der formal strengsten Disziplin, die Wahrheit einer Aussage oft eher *sehen*, als dass sie diese mit einem Algorithmus zu beweisen in der Lage sind. Computer aber k&#246;nnen nur algorithmisch vorgehen; folglich sind sie dem Menschen prinzipiell unterlegen.“</em></p> <p><strong>[Update 28.04.2020 14:14]:</strong></p> <p>Die Ewigkeitsgarantie im deutschen <a href=„https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html“ rel=„external noopener“ target=„_blank“><strong>Grundgesetz [7]</strong></a> gilt f&#252;r Artikel 1 und 20, nicht f&#252;r Artikel 1 bis 20:</p> <p><em>Artikel 1</em></p> <div class=„jurAbsatz“>(1) Die W&#252;rde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu sch&#252;tzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.</div> <div class=„jurAbsatz“>(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unver&#228;u&#223;erlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.</div> <div class=„jurAbsatz“>(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.</div> <p><em><br /></em></p> <p><em>Artikel 20</em></p> <div class=„jurAbsatz“>1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.</div> <div class=„jurAbsatz“>(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausge&#252;bt.</div> <div class=„jurAbsatz“>(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsm&#228;&#223;ige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.</div> <div class=„jurAbsatz“>(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht m&#246;glich ist. () </div> <hr /><p><strong>URL dieses Artikels:</strong><br /><small>

https://www.heise.de/-4710987

</small></p> <p><strong>Links in diesem Artikel:</strong><br /><small>

<strong>[1]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Hilbertprogramm

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<strong>[2]</strong>&#160;https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Mathematik

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<strong>[3]</strong>&#160;http://www.heise.de/thema/Zahlen-bitte!

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<strong>[4]</strong>&#160;https://jeffreykegler.github.io/personal/morgenstern.html

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<strong>[5]</strong>&#160;https://drive.google.com/file/d/0B9_mR_M2zOc4Y2VhNzZkMDQtMDdlNC00YWQ0LWJlYzQtMzAxZjAxMGYxNzM5/view

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<strong>[6]</strong>&#160;https://law.capital.edu/WorkArea/DownloadAsset.aspx?id=32584

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<strong>[7]</strong>&#160;https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html

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<strong>[8]</strong>&#160;mailto:mho@heise.de

</small><br /></p> <p class=„printversion__copyright“><em>Copyright &#169; 2020 Heise Medien</em></p> </div></div> </html>

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